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Architektur und Widerstand

Auszüge aus Gesprächen mit der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky über ihre Widerstandsarbeit im 2. Weltkrieg. Das Gespräch führten Gabu Heindl und Martin Engelmeier

Aus pblattform BOKU-live Nr. 4/95 Mai 95

Frau Architektin Margarete Schütte Lihotzky, 98, erhielt 1937 von der türkischen Regierung eine Berufung zur Projektierung von Frauenberufsschulen und Dorfschulen. Von Istanbul fuhr sie 1940 als Mitglied der dortigen österreichischen Widerstandsgruppe nach Wien, wurde von der Gestapo verhaftet und zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie entging dem Todesurteil aufgrund ihrer Tätigkeit für die türkische Regierung. 1945 wurde sie aus dem Zuchthaus Aichach befreit. Mit der "Frankfurter Küche" wurde sie schon in den 20er Jahren berühmt, ihr gesamtes OEuvre wurde allerdings erst 1993 anläßlich ihrer Ausstellung im MAK ausführlich dokumentiert. 1984 veröffentlichte sie das Buch "Erinnerungen aus dem Widerstand. 1938-1945."

F: Das Buch "Erinnerungen aus dem Widerstand 1938-1945" beschreibt ausführlichst die Bemühungen der Widerstandsbewegung gegen das Naziregime zwischen 1938 und 1945. Warum war es Ihnen wichtig ein Buch über den Widerstand zu veröffentlichen und welche Bedeutung hat es für Sie persönlich?

Mir ist dieses Buch sehr wichtig und ich finde es auch jetzt, zum 50. Jahrestag des Kriegsendes sehr wichtig, daß die Jugend weiß, daß unsere heutige 2.Republik auch mit der engagierten Widerstandsarbeit möglich geworden ist. Dazu habe ich einen Teil beigetragen, und darauf bin ich stolz. Ich wollte nicht mein Leben im Widerstand hervorholen, sondern ganz im Gegenteil, Erinnerungen an eine Gemeinschaft, deren Teil ich war. Wichtig war mir damals ein Ende des Nationalsozialismus und das Wiedererstehen eines selbständigen Österreichs. Das war der Inhalt des österreichischen Widerstandes. Denn Österreich war doch von der Landkarte verschwunden. Deshalb soll er auch nicht mit dem deutschen verwechselt werden, weil dieses Ziel der Wiedererstehung Österreichs ja die Deutschen nicht gehabt haben.

F: Ihre politische Überzeugung war ausschlaggebend für Ihre Arbeit im Widerstand und vor allem für Ihre Bereitschaft, in dieser gefährlichen Situation nach Wien zu fahren. Was heißt für Sie persönlich politische Überzeugung?

Ich bin damals gefahren, um die Verbindung des Widerstandes in der Türkei nach Österreich zu erhalten und auszubauen. Diese Verbindung war notwendig, man muß mein Buch lesen, da erkläre ich genau, warum diese Auslandsstellen wichtig waren. Vor allem müßte man die politische Überzeugung klarlegen, denn die Leute haben von Kommunisten eine Vorstellung, die man ihnen in den letzten 20 Jahren mit der Presse und dem Fernsehen vorgesetzt hat. Wie sich das alle eben vorstellen: die Sowjetunion ist zusammengebrochen und jetzt sind wir am Boden. Die bringen das alles miteinander in Verbindung, was ich nicht tue. Ich habe meine politische Überzeugung heute genauso wie damals, als die Sowjetunion noch existiert hat.

Wir waren überzeugt, mein Mann genauso, daß der Nationalsozialismus ein Unglück ist für die Welt und Europa, nicht nur für Österreich. Wie die Nazis hier einmarschiert sind, am 13. März 1938, waren wir in Paris und das war für uns dort schon ein Trauertag. Alle Nationalisten treiben zum Krieg. Daß das zu einem Weltkrieg kommen würde, das war ja äußerst wahrscheinlich, deshalb sind wir aus der Sowjetunion weg.

Anmerkung: Frau Architektin Schütte-Lihotzky arbeitete in den 30er Jahren mit der Planungsgruppe um Ernst May am Aufbau der großen Wohnstädte für die neue Schwerindustrie in der Sowjetunion.

Wir haben schon in Paris Kontakt zum Widerstand gesucht. Ernst Fischer, der österreichische Vertreter in der Komintern in Moskau, der ja dann hier der erste Unterrichtsminister nach 1945 war, in der provisorischen österreichischen Regierung, hat uns schon 1937, vor unserer Abreise 2 oder 3 Leute in Paris genannt. Wir wollten eigentlich nach London, denn mein Mann hatte dort einen Onkel, der Architekt war, und wir haben gedacht, dort Arbeit zu finden, was jedoch hoffnungslos war. Wir mußten uns aber zuvor in Paris einen neuen Paß holen, weil der alte deutsche Paß mit 5 Jahren Moskau uns schädlich gewesen wäre. In Paris haben wir zuerst Anschluß bekommen durch einen Mann namens Dunker, einen berühmten deutschen Marxisten, der uns, nachdem wir da schon in die Türkei gehen wollten, zugesagt hat, daß wir dort schon gefunden würden, daß wir auch dort etwas tun können für den Widerstand. Ich habe auch noch Anschluß bekommen an Otto Heller, einen österreichischen Kommunisten, den ich von Moskau kannte. Wie die Deutschen im März 1938 hier einmarschiert sind, ist die Leitung der österreichischen Kommunistischen Partei nach Paris geflüchtet, wo wir ja auch waren. Ich habe aber keinen von denen gekannt, außer Otto Heller, der mit der Leitung der österreichischen KP Kontakt hatte. Dem habe ich in Paris gesagt, daß wir aus beruflichen Gründen nach Istanbul gehen, aber wir wollten dort was tun. Durch seine Verbindung zur Leitung der österreichischen KP in Paris wurde dann Herbert Eichholzer nach Istanbul geschickt. Auch die österreichische Sozialdemokratie hat ein bißchen was gemacht. Von den Sozialisten hat sich kurz vor Hitlers Einmarsch eine kleine Gruppe abgespalten, aber im letzten Moment, also viel zu spät. Die haben sich Revolutionäre Sozialisten genannt. In katholischen Kreisen war da ebenso viel los. Schuschnigg war ja ein sehr gebildeter Mann, aber als Bundeskanzler viel zu schwach, und in seiner Regierung - das war ja die katholische Seite - hat es sehr ehrliche Nazigegner gegeben. Zum Beispiel der Herr Doktor Dobretsberger, ein Universitätsprofessor aus Graz und überzeugter Nazi-Gegner war ein Jahr in der Regierung von Schuschnigg als Wirtschaftsminister. Der war dann auch als Emigrant in Istanbul und hat mir erzählt, daß er Schuschnigg ein Jahr vor Hitler schon gewarnt hätte, daß dieser gegen die Nazis nicht entsprechend vorgehe und ist aus der Regierung ausgetreten. Er hat auch erzählt, daß der Schuschnigg so naiv war, zu Hitler zu fahren, der ihn natürlich um den Finger gewickelt und ihm alles mögliche aufgebunden, was der wirklich geglaubt hat und ein paar Tage später sind die Deutschen einmarschiert. Der Architekt Herbert Eichholzer hat in Istanbul bei Holzmeister gearbeitet und kam eines Tages zu uns in die Akademie und so entstand diese österreichische Widerstandsgruppe. Herbert Eichholzer ist hingerichtet worden. Viele sind aus Überzeugung gestorben. Immer noch besser, als wahllos als Soldat im Feld erschossen zu werden. Diese Menschen sind für nichts gestorben, außer sie waren überzeugte Nazis. Aber das waren ja auch nicht alle. Die sind zu Hunderttausenden in Stalingrad gestorben. Dann ist es schon besser, man stirbt für eine gute Sache, als für nichts. Ich wundere mich, daß die Leute, auch Leute, die gegen die Nazis waren, mich immer wieder fragen, warum ich hereingefahren bin. Das war für uns so selbstverständlich, scheinbar kann man sich das heute nicht mehr vorstellen. Vielleicht, weil junge Leute keine politische Überzeugung haben. Aber sie suchen eine, man muß schon gerecht sein. Ich meine, ein großer Teil sucht.

Was soll man der Jugend als Vorbild geben? Das große Problem bei der Kommunistischen Jugend war damals, daß sie immer in Österreich geblieben ist, und nicht so wie ich wirklich längere Zeit in der Sowjetunion war. Man hat ihnen die Sowjetunion als Idealbild dargestellt und die haben das natürlich geglaubt. Und ich habe erlebt, wie schwer das war, dort eine vollkommen neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung aufzubauen, wo die Menschen zu großen Teilen noch Analphabeten waren, über 100 verschiedene Völkerschaften auf einem ganz unterschiedlichen Kulturniveau. Die Leute hier haben von den Russen immer nur die kleine Schicht der großen Intellektuellen, der großen Schriftsteller und Komponisten gesehen, und nicht die primitiven Völkerschaften. Ich habe dort 7 Jahre Arbeit erlebt und weiß, wie schwer das war. Ich war z.B. in Magnitogorsk, tausende km von Moskau entfernt, wo wir eine neue Stadt aufgebaut haben mitten in der Steppe. Aber wie hat das ausgeschaut? Da war ein riesiger Erzberg, 50 mal so groß wie unser Erzberg, da wurde schon im zaristischen Rußland Eisenerz abgebaut. Aber der nächste Hochofen zur Verhüttung war 100 km weit weg im Südural, und es gab natürlich keine Bahn, Straßen oder gar Autos. Sie hatten nur Pferdeschlitten zum Transport im Winter, 100 km weit haben sie diese Eisenerzblöcke zum nächsten Hochofen transportiert. Eine der ersten ganz großen Aufgaben dort war, in solchen Gebieten Städte zu projektieren. Der rasche Aufbau damals war imponierend, aber die Schwierigkeiten waren enorm. Das Programm sah 200.000 Einwohner dort vor. 1932, als ich das erste Mal dort war, wohnten immerhin schon 80.000 Leute dort, aber wie! In Baracken und Erdhütten. 3 Jahre vorher war nicht einmal eine Telegraphenstange dort gestanden. So habe ich das erlebt, als die Sowjetunion aus dem Nichts unerhört schnell aufgebaut wurde. Der Krieg stand 1933, als Hitler an die Macht kam, vor der Tür, und Städte wie Magnitogorsk waren unbedingt notwendig für die Sowjetunion. Ohne Eisen und Energie kann man kein Land aufbauen. Natürlich hat auch die Rüstung eine Rolle gespielt, aber sicher nicht von Anfang an. Die Sowjetunion war ja ein Bauernland. Nur 17 % der Bevölkerung haben überhaupt in Städten gelebt, als wir hinübergegangen sind. Die Bauern haben einen alten traditionsreichen Holzbau gehabt, jedoch auch nur in den nördlichen Gegenden, wo die vielen Wälder sind. In Mittelasien ist ja Wüste. Es war ein unerhörter Aufbau dort in den 30er Jahren, mit Hilfe des Sozialismus, aber mit großen Opfern. Es ging sehr schnell, sonst hätten die Russen den Krieg nicht gewonnen. Das wertet man hier alles nicht. Denn die Russen haben ihn ja gewonnen, nicht die Westfront, die ist ja viel zu spät gelandet. Wir sind im Gefängnis gesessen und haben die Landung der Alliierten Truppen im Westen mit Ungeduld herbeigesehnt, denn die Deutschen sind doch dauernd in Rußland vormarschiert. In drei Wochen waren sie fast in Moskau. Das ist mir heute noch ein Wunder, daß die Russen die Deutschen vor Moskau zum Stehen gebracht haben, diese überlegene deutsche, hochgerüstete Armee. Diese drei Wochen waren die schwerste Zeit für uns im Gefängnis. Es war eine unerhörte Aufregung unter uns Gefangenen, als die Deutschen in der Sowjetunion einmarschiert sind, am 22. Juni 1941 um 4 Uhr früh. Beim Spaziergang an jenem Tag haben wir uns nicht halten lassen und trotz Verbot alle miteinander geredet. Die meisten waren so optimistisch, die Rote Armee werde da in Deutschland einmarschieren, in drei Wochen würde der Krieg aus sein. Ich war wirklich die Einzige, die gesagt hat: "Seid ihr wahnsinnig, ein Krieg, der 2000 km lang ist, von der Ostsee hinunter bis zum Schwarzen Meer. Zehntausende Menschen werden sterben auf beiden Seiten und ihr freut euch? Das wird sehr hart sein."

F: Wie sah damals der organisierte Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus?

Ein Beispiel: die kommunistische Jugend hat Briefe ins Feld an die Soldaten geschickt, nach Feldpostnummern adressiert, mit dem Aufruf "aufzuhören mit dem Krieg, der Krieg sei sowieso verloren." Sie haben auch Flugblätter gedruckt, die ja das einzige Verständigungsmittel waren, illegal natürlich. Das ist aufgeflogen und die Gestapo hat viele verhaftet, und alle diese Jungen haben hohe Urteile bekommen, teilweise auch Todesurteile. Wir haben in Istanbul eine Auslandsstelle gegründet, dort konnten wir Emigranten unterbringen. Wir konnten die, die nur noch in die Sowjetunion konnten, in der Türkei durchschleusen, Visen beschaffen und Pässe ändern, damals hat man alles gemacht. Mir ist es eben so wichtig, daß die Jugend das heute weiß, nicht nur wegen der Historie. Ich meine, die Gefahr Haider ist doch nicht ohne, bei den nächsten Wahlen werden die Freiheitlichen wahrscheinlich wieder dazugewinnen. Aber die Jugend glaubt wie viele andere zu großen Teilen, daß Nationalsozialismus gleich Antisemitismus ist. So wurde es ja auch immer dargestellt. Dazu kommt jedoch heute die zunehmende, nach rechts orientierte Politik.

F: Heute muß man wieder gegen nationalistisches und rassistisches Gedankengut ankämpfen...

Ja, die Kundgebung am 26. April wird in dem Sinne sein. Schließen wir uns diesmal rechtzeitig zusammen, damit dieses Denken unser Land nicht wieder ins Unglück stürzt. Das erste Opfer der neuen Rechtsradikalen war ja der Kirchweger, der erschossen wurde. Der war ein Kommunist. Es hat damals einen Professor namens Borodajkewycz an der Hochschule für Welthandel gegeben, der ein richtiger Nazi war. Da gab es eine Demonstration gegen diesen Professor. Von der Technischen Hochschule sind wir zum Ballhausplatz gegangen. Zwischen Sacher und Oper sind die Neofaschisten gestanden und haben Stunk gemacht und geschrien. Es war viel zu wenig Polizei. Und da ist es passiert, der Kirchweger ist kurz vor mir gegangen. Er ging hin und wollte mit den jungen Leuten sprechen, wollte sagen, ihr seids auf dem falschen Weg. Dabei ist er umgebracht worden. Und nachher bei seinem Begräbnis am Heldenplatz waren alle Parteien vertreten. Das war eine Riesengeschichte dieses Begräbnis, weil es mit Recht geheißen hat, daß Kirchweger das erste Opfer der Nazis nach dem Krieg war. 1965 war das, das heißt verhältnismäßig bald waren die Neonazis schon so weit, daß sie den umgebracht haben, nur weil er hingegangen ist, um mit ihnen zu reden; er hat doch keine Waffe gehabt.

F: Nach über 4 Jahren Gefängnis für Ihre Widerstandsarbeit sind Sie nach Wien zurückgekehrt, um am Wiederaufbau mitzuarbeiten. Als bekennende Kommunistin erhielten Sie von der Stadt Wien aber keine Arbeit, dafür in jüngster Zeit wiederholt Ehrungen...

Oberbaurat Böck, natürlich auch Mitglied der Sozialistischen Partei, hat damals die Öffentlichkeitsarbeit des Bauamts organisiert. Der war sehr nett. Später war er sogar Senatsrat. Eines Tages hat er mir gesagt, daß es gar keinen Sinn hätte, mich für irgendeinen Auftrag der Gemeinde zu bewerben, denn es bestand ein Parteibeschluß des Parteivorstands der SPÖ, daß ich vom Bauamt keine Arbeit bekommen soll. Das hat sich dann wieder bewiesen, als mich Roland Rainer als damaliger Stadtplaner der Gemeinde Wien, aufgefordert hat, im Bereich Kinderanstalten mit ihm zusammenzuarbeiten, weil ich darauf spezialisiert bin. Das hätte ich natürlich sehr gerne gemacht, eine Arbeit vielleicht für ein dreiviertel Jahr, Halbtagsarbeit, also keine Riesensache. Wir haben das Honorar auch sehr mäßig veranschlagt. Und es ist vom damaligen Stadtrat für das Bauwesen abgelehnt worden. Der Architekt Rainer war damals auch so naiv, daß er das von selber auch nicht überzogen hat. Aber wie er das erlebt hat, habe ich nachher mit ihm gesprochen und gesagt: "Was glauben Sie, was kann das andere als politische Gründe haben?". Also nicht einmal eine Mitarbeit für ein dreiviertel Jahr, nur als beratende Expertin für Kindergärten, nicht einmal das haben sie mir gegeben. Ich habe in über 20 Jahren 2 Kindergärten planen dürfen, und die ehemaligen Nazis haben zu dieser Zeit schon Riesenaufträge gehabt. Das war ja das Empörende. Es sind ja auch ganz viele Nazis Lehrer geblieben. Ein großer Prozentsatz der Lehrer waren Nazis und die hat man nach 1945 in Österreich nicht gekündigt. Das war ein großer Fehler wegen ihres Einflusses auf die Jugend. Für mich hat der SP-Parteivorstand damals beschlossen, mir keine Arbeit zu geben. Und das ist ihnen jetzt unangenehm, obwohl die jetzt führende Generation keine Schuld daran hat. Damals war der Grund für den Boykott schon die Angst vor den Kommunisten. Ich war ja auch einmal in der Sozialistischen Partei, 1919 wurde die kommunistische österreichische Partei überhaupt erst gegründet und das war nur eine kleine Gruppe, die sich abgespalten hat von den Sozialdemokraten. Ich war damals in der Siedlerbewegung und war auch befreundet mit Sozialisten. Die Sozialisten in der Ersten Republik haben ja in Wien wirklich sehr viel gemacht, vor allem im Wohnungsbau, der für mich maßgebend war, aber auch im Erziehungswesen und im Gesundheitswesen, und sie haben enorm viel gebaut. Ich habe eine Zeit lang geglaubt, daß das zum Sozialismus führen wird, obwohl ich mir sehr lange überlegt habe, in die Sozialistische Partei zu gehen. 1923 bin ich dann doch eingetreten, aber 1927 bin ich mit einem pathetischen Brief ausgetreten. Bei einer Demonstration bei Schattendorf gab es Schießereien, ein Mann und ein Kind wurden erschossen. Die Sozialisten haben die Leute angefeuert und wie dann der Justizpalast brannte, konnten sie nichts dafür und wollten sich die Hände in Unschuld waschen. Damals bin ich ausgetreten. Dann war ich parteilos bis 1939. Über die Widerstandsarbeit bin ich in die KP eingetreten, weil das die einzigen waren, die in größerem Umfang etwas gegen die Nazis gemacht haben.

F: Sehr schön abzulesen in Ihrem Lebenslauf ist der immervorhandene Zusammenhang zwischen Architektur und sozialem Engagement.

Ja, ich glaube, da bin ich fast einzigartig in Österreich. Diese Verquickung ist eher zufällig entstanden, weil ich gleich in die Siedlerbewegung gekommen bin. Nur weil ich den Wettbewerb am Schafberg gemacht habe und einen Preis erhalten habe. Und beim Preisabholen sagt mir der Sekretär dort, daß ein Doktor Ermers jetzt die Siedlerbewegung organisiert und ich solle doch zu ihm gehen, wenn ich keine Arbeit hätte. Ich bin also dort hin. Von unten her haben sich viele Siedler- und Kleingartengenossenschaften gebildet, weil die Leute keine Wohnung gehabt haben. Ermers hat versucht, das in geordnete Bahnen zu leiten, weil diese Siedler schon angefangen haben, wild zu bauen. Die Gemeinde konnte da nicht zuschauen. Die Siedler haben Gelände requiriert und aus Kistendeckel und Pappe irgendein Dach über den Kopf geschaffen, um die Wohnungsnot zu lindern. Ermers hat mich gleich mit Loos bekanntgemacht. Loos war ein eleganter Herr, ich sehe ihn noch heute vor mir, und mich mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm. Und Loos sprach sofort vom Anfangen in Lainz, das war die erste große Siedlung, da solle ich gleich mit ihm arbeiten. Das war natürlich alles für die Arbeiter, denn die anderen haben ja bessere Wohnungen gehabt. Und so ist mein politisches Interesse erwacht, weil ich geglaubt habe, daß die großen Leistungen der Gemeinde Wien zu einer sozialistischen Gesellschaft und Wirtschaft führen werden. Das war aber ein Irrtum, die Sozialisten haben immer wieder nachgegeben, bis es schließlich zum Nationalsozialismus kam. Mir liegt am Herzen, daß die heutige Jugend erfährt, in welcher Zeit wir damals lebten, und vor allem, daß es einen organisierten österreichischen Widerstand gab, daß Österreich sich gewehrt hat - nicht das offizielle Österreich natürlich. Der österreichische Widerstand hat große Opfer gebracht, das muß man immer wieder sagen. Denn es sind sehr viele Österreicher hingerichtet worden, vor allem Kommunisten. Und die haben uns natürlich nach 1945 sehr gefehlt.

Wir danken für das Gespräch.

BUCHTIP Erinnerungen aus dem Widerstand. Das kämpferische Leben einer Architektin von 1938-1945. Edition Spuren, Promedia-Verlag Wien, 1994

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last updated 29.9.2000