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Frauen in der historischen Stadt: Athen

Sonja Hnilica
Wien im Februar 2000

1.Einleitung

Die alten Griechen, das ist ein Thema, über das wir im allgemeinen recht gut Bescheid wissen. Wir berufen uns gerne darauf.
In Griechenland liegen die Wurzeln der abendländischen Kultur: Griechische Philosophie, Wissenschaft, Kunst, Theater und nicht zuletzt die Demokratie als Staatsform haben immer noch Einfluß auf unser Leben und unser Weltbild.

Eva Keuls zeichnet in ihrem 1993 in den USA erschienen Buch "The reign of the Phallus. Sexual Politics in Ancient Athens" ein anderes, weniger hehres Bild von der Athenischen Gesellschaft:
Daß es in Athen nicht nur Bürger, sondern auch Sklaven gab, ist allgemein bekannt, aber daß auch Frauen massiv unterdrückt wurden, das wurde mir in der Schule zumindest verschwiegen.

2.Geschlechterkonstruktion und Lebensräume

Im Kapitel "The Phallus and the Box: The World seen in the Shape of Human Genitals" (KEULS, 1993: 33-65) stellt Keuls eine Beziehung her zwischen Konstruktion von Geschlecht und der räumlichen Organisation der Stadt:
In Athen wurde ein ausgeprägter Phalluskult betrieben.
Der Penis wurde als alleiniger Lebensspender proklamiert, die Frau zu passiven "Ausbrüterin" erklärt.

Aeschylus, Eumenides: "It is not the Mother, who is the parent of the child, although she so called; she is merely the nursemaid to the newly planted fetus. He who mounts is the one who gives birth; she, a stranger to a stranger, merely preserves the seed if god does not destroy it. And I'll give you proof of my argument: there can be fatherhood without a mother."
(zitiert nach KEULS 1993: 32)

Als besonderes plastisches Beispiel aus der Mythologie möchte ich hierzu die Göttin Athene anführen, die aus dem Kopf ihres Vaters geboren wurde.
Es herrschte die Vorstellung, Frauen seien Männer ohne Penis und weibliche Geschlechtsorgane seien nach innen gestülpte Penisse. (SENNETT 1997: 54)

Sexualität stand laut Keuls immer in Zusammenhang mit Macht- und Gewaltausübung, Vergwaltigung wurde - in der Mythologie wie im echten Leben - verherrlicht.
Sexuelle Beziehungen in Athen waren generell hierarchisch: dem Herrn war die Sklavin zu Diensten, ältere Männer unterhielten Lustknaben, Reiche konnten Arme kaufen, Mächtige Machtlose zwingen.

Die Machtunterschiede wurden durch die unterschiedliche Körperwärme "wissenschaftlich" gerechtferigt: Der männliche Bürger sei heiß, Frauen und Sklaven dagegen kalt. (SENNETT: 1993: 53)

Männer
Keuls führt aus, daß männliche Athener ihr Geschlecht mit großem Stolz zeigten.
Männer wurden auf Vasenbildern meist nackt dargestellt: Die Genitalien konstituierten ihre Identität.
Nacktheit bedeutete die Anwesenheit einer starken, unverletzlichen, zivilisierten Person: Die Bürger sollten ihre Gedanken und Körper entblößen. Rhetorik und der sportliche Wettkampf im Gymnasium schulten Körper und Stimme dafür. (SENNETT 1997: 42)
Das Schönheitsideal war, anders als heute, klein und straff, ein großer Penis galt laut Keuls als barbarisch. Aristoteles begründete die Annahme ein kleiner Penis sei fruchtbarer damit, daß der Weg des Samens kürzer sei, und dieser so heißer ankomme.
Die Vasenmalereien überliefern die unterschiedlichsten narzistische Posen, sowie diverse phallische Phantasien: z.B. Vögel mit Phallusköpfen.
Phallische Bronzen und Statuen fanden sich laut Keuls in fast jedem Haushalt:
Dagegen interpretiert Keuls die zahlreichen Frauen mit Dildos auf Vasenmalereien eher als auf Frauen projezierte Phantasien, denn als Zeugnisse weiblicher Sexualphantasien.

Frauen
Frauen mußten, so Keuls, ihren Körper in weiten Gewändern bis zur Unkenntlichkeit verhüllen, auch Haare und vermutlich das Gesicht. Für Frauen war es eine Schande, in der Öffentlichkeit gesehen oder gehört zu werden, d.h. sie sollten in der Öffentlichkeit nicht sprechen.
Darüberhinaus wurden Frauen meist nicht bei ihrem Namen genannt, sondern "Frau/Tochter/Mutter des...", möglicherweise wurde Mädchen oft gar kein Name gegeben.
Männer sprachen ihre Frauen mit gyne ("Kindergebährerin") an, Frauen nach den Wechseljahren mit graus ("Alte Frau").
Diese Maßnahmen zielten laut Keuls ganz klar auf das Verhindern bzw Zerstören der Identität.
Keinen Namen zu haben, war von besonderer Tragweite, da Unsterblichkeit in der Weltanschauung der Athener nur durch die Überlieferung des Namens möglich war.

Die Taktik war erfolgreich:
Es existieren heute fast keine Überlieferungen von griechischen Frauen aus dem 4. und 5. Jahrhundert, nicht einmal die Namen von Königinnen. Sie sind aus der Geschichte getilgt.

Öffentlich
Das Leben männlicher Griechischer Bürger, ca 15-20% der Gesamtbevölkerung (d.h. Bauern, Sklaven, Frauen, Kinder waren ausgeschlossen) (SENNETT 1997), spielte sich unter freiem Himmel im Öffentlichen Raum ab:
Die Agora war ein großer freier Platz für viele Aktivitäten, wie Keuls ausführt. Hier spielte sich ab, was zum öffentlichen Leben gehörte: politische Versammlungen, religiöse Zeremonien, Gericht, Essen, Handeln, Klatsch und Diskussion. Körperliche Arbeit galt dagegen als ehrenrührig und hatte keinen Platz im öffentlichen Raum.
Stoas säumten die agora . Diese Bawerke bestanden aus Kolonnaden, die fließende Übergänge zwischen innen und außen erzeugten, und Raum für diverse oben genannte Tätigkeiten boten.
Die Tempel waren ebenfalls auf ihre Wirkung nach außen hin angelegt. Im Inneren nur eine Schatzkammer zur Aufbewahrung des Heiligtums, wurde das Ritual im Freien zelebriert. Wiederum boten die Kolonnaden einen fließenden Übergang zwischen innen und außen.
Diese und andere typische Bauwerke waren sehr prunkvoll, sie prägen die hohe Meinung von griechischer Baukunst.

Privat
Frauen hielten sich laut Keuls dagegen hauptsächlich in Innenräumen auf.
Die ideale Frau war unsichtbar und dabei fleißig wie eine Biene
Privathäuser waren ihre Orte: Räume um einen Innenhof gruppiert, nach außen abgeschlossen, ohne Fenster, die Tür oft vom Hausherren versperrt gehalten.
Meist waren sie sehr bescheiden ausgestattet. Es existieren praktisch keine Überlieferungen von der Architektur der Wohnhäuser. Sennett charakterisiert die Wohnbezirke als "vollgestopft mir niedrigen Häusern und engen Gassen,[...] die nach Urin und Bratöl rochen." (SENNETT 1997: 48)
Nichtsdestotrotz waren diese Teile der Stadt die Orte des Lebenserhalts, Lebensraum für die ganze Familie (Frauen, Sklaven, Kinder) und gleichzeitig Orte für Güterproduktion und Verkauf.

Folgerungen
Keuls zieht an dieser Stelle eine Analogie:
Männer kehren alles nach außen, Frauen nach innen, die zugeordenten Räumlichkeiten spiegeln die Geschlechtsorgane wieder.

Ich habe starke Zweifel an dieser Argumentationsweise. Parallelen für gebaute Umwelt in der Natur bzw. im menschlichen Körper zu suchen, ist meistens ein Versuch, Machtverhältnisse naturgegeben scheinen zu lassen. (vgl GROSZ 1992: 247)
Wir müssen also die Machtfrage stellen:

Hannah Ahrendt führt die Ökonomie, auf der das System der Griechischen Demokratie beruht, in ihrem Werk "Vita Activa" folgendermaßen aus:
Das Zusammenleben in Haus, der Familie war von Lebens-Notwendigkeiten geprägt. Dieses Leben galt als tierhaft, vorpolitisch. Auch Erwerbsleben zählte zu dieser privaten Sphäre. Das Private bedeutete Notwendigkeit, und dieser war nur durch Gewalt, Herrschaft und Unfreiheit beizukommen.
Erst das Politische (definiert als Handeln und Reden) machte jedoch im Weltbild der Athener den Mensch zum Menschen. Und das fand ausschließlich im Öffentlichen Leben statt. Öffentlich bedeutete, sichtbar und hörbar zu sein, d.i. wirklich zu sein. Hier waren Bürger gleiche unter gleichen, sie konnten alles demokratisch mit Worten regeln. Hier manifestierte sich Freiheit.
Im Privaten leben bedeutete also, "in einem Zustand leben, in dem man bestimmter, wesentlicher menschlicher Dinge beraubt ist" (AHRENDT 1967: 78)

Hier zeigt sich,daß die Freiheit und Gleichheit der Bürger die Unfreiheit und Ungleichheit der Anderen notwendig brauchte.
Die Gegensätzlichkeit der Geschlechter ist eine Konstruktion, die dem Machterhalt der einen Seite dienen soll. Dieses Machtgefüge wurde durch die Zuordnung und Wertung der Räume gesichert und verstärkt.
Frauen wurden zum "schwachen Geschlecht" gemacht: wenig Bewegung, schlechte Ernährung, frühe Heirat, viele Geburten, schlechte Bildung, Verbot eines eigenen Willens.
Unsichtbare Frauen, nicht vorhandene Personen, können sich kaum artikulieren.

3. Zwei Sorten von Frauen

Die unterschiedlichen Standards im Sexualleben von Männern und Frauen hatte Konsequenzen: Außereheliche Kontakte von Frauen wurden keinesfalls geduldet, während Männer idealerweise einem aussacheifendem Sexualleben fröhnten.
Im Kapitel "Two kinds of women: The splitting of the female psyche" zeigt Keuls, daß die "Klasse" der Frauen, nocheinmal zweigeteilt war, um alle ihr zugewiesenen Aufgaben erfüllen zu können: In ehrbare (Ehe-)Frauen und Mütter auf der einen und Prostituierte / Heterai / Konkubinen auf der anderen Seite.
Prostitution war sehr verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert.

Diese Spaltung wurde in Natur der weiblichen Psyche gelegt. Männer dagegen vereinten die beiden Pole problemlos in einer einzigen Person.

Religion
Auch die Gottheiten spiegelten diese Teilung in verschiedene Funktionen wieder und sollten sie so legitimieren. Beispiele hierfür sind:

  1. Demeter, die Mutter
  2. Aphrodite, Göttin der Liebe und der sxuellen Begierde
  3. Athene, Manngöttin, geschlechtslos mit einer vagina dentata

Männliche Gottheiten waren dagegen Vater, Ehemann und Liebhaber zugleich.
Zur Illustration kann der Mythos der Stadtgründung von Athen dienen: Hephestaios jagt der jungfäulichen Athene nach, um sie zu vergewaltigen. Dabei verliert er Samen, und befruchtet die Erde (Gaia), die einen Sohn, Erichthonoios, zur Welt bringt. Dieser wird dann von Athene großgezogen und zum Ahnherren der Athener gemacht. (WEIGEL 1990: 157f)

Gesetze
Verschiedene Gesetze - viele davon gehen auf Solon zurück - sorgten für die strikte Trennung der Kategorien "Mutter" und "Hure" und zeigen, wie beide unter Kontrolle gehalten wurden:
Prostituierte mit Sklavinnenstatus waren ihren Herren ausgeliefert: Ihnen konnte Mißbrauch, Verschenkung, Verkauf, Zufallsexekution etc. drohen.
Die Finanzen von Prostituierten wurden vom Magistrat kontrolliert, es gab eine Bordellsteuer.
Bürgerinnen drohten schwere Strafen bei vor- oder außerehelichem Geschlechtsverkehr. Es mußte unbedingt sichergestellt weden, daß sie nur rechtmäßige Erben zur Welt brachte.
Eine Frauenpolizei kontrollierte das Verhalten von Bürgerinnen. Sie sollte deren Bewegungsfreiheit einschränken.
Frauen wurde keine eigene Sexualität zugestanden.

Die einzige Ausnahme stellte das Ritual der Adonia dar: Hier wurde die Trauer um den Gott Adonis zelebriert, den begehrenswerten jugendlichen Liebhaber, der von einem Keiler getötet wurde, bevor er das Mannesalter erreichte. Einmal im Jahr feierten die Frauen eine Nacht lang auf den Dächern ihrer Häuser, tanzten, tranken und sangen. Dieses Ritual - von den Männern zwar mißtrauisch beäugt, aber nicht verhindert - bot einen kleinen Freiraum zum Artikulieren sexueller Begierden im Schutz der Dunkelheit.(SENNETT 1997: 99)

Das Haus
Das griechische Haus spiegelt die doppelte Zweiteilung in sich wieder: Es gab einen Frauenteil gynaikonitis und einen Männerteil andron, nahe beim Eingang, zu dem die Ehefrau keinen Zugang hatte. Die Eheleute schliefen nicht im selben Raum.
Sex zur Fortpflanzung und zum Lustgewinn streng unterschieden. Lustvoller Sex mit Ehefrau galt als unzüchtig.
Im andron fanden die symposien statt, festliche Gelage, zu denen Prostituierte und Sklavinnen, nicht aber Ehefrauen Zutritt hatten. Letztere mußten nur bei der Vorbereitung mithelfen. Diese Feste sind in Literatur und Kunst gut dokumentiert. Viele erhaltene Malereien auf Symposionskelchen illustrieren den Gegensatz zwischen pflichtbewußterEhefrau und verführerischer Hure/Geliebter.

Gründe für das Splitting
Siegrid Weigel erklärt die Aufspaltung der verschiedenen Frauenrollen in ihrem Werk "Topographien der Geschlechter" folgendermaßen:
Weigel stellt fest, daß langläufig Frauen mit Natur- dem Wilden-gleichgesetzt werden, charakterisiert durch das was ihnen fehlt im Vergleich zum Mann.
Der Mann sieht sich als Zivilisator und Kulturbringer. Bei Stadtgründung verbannt er das Wilde (Drachen, Barbaren, Matriarchat, in Athenischen Gründungsmythen speziell Amazonen) vor die Stadtmauern.
Die Ehefrauen sind jedoch für die Fortpflanzung im Inneren nötig. Bei der Ehefrau selbst muß er ihre wilden Anteile zähmen, domestizieren, entsexualisieren. Keuschheit ist die klassische weibliche Tugend. Das Wilde kann jedoch jederzeit wieder ausbrechen, es ist eine latente Gefahr. Von der kultivierten Frau muß ihre gefahrvolle Sexualität abgespalten werden. (vgl WEIGEL 1990: 118-140)

4.Relevanz für Heute

Diesen Polarisierungen begegnen wir bis heute:
Wir wertschätzen Demokratie, Philosophie, Kunst - verortet in der Öffentlichkeit.
Unser chauvinistisches Freiheitsideal braucht die Unfreiheit der Anderen (Besiegte Völker, Bauern, Sklaven, Frauen, heute wahlweise auch schlecht bezahltes Personal, Menschen in Billiglohnländern,...).
Auf der anderen Seite ist lebenserhaltende Arbeit (Subsistenz), in den privaten Bereich gedrängt, von geringer gesellschaftlicher Achtung. (Mir einem Unterschied: Heute zählt Erwerbsarbeit nicht mehr dazu, sie ist auf andere Seite gewandert.)
Es gibt nach wie vor eine klare geschlechtsspezifische Konnotation der beiden Sphären.
Wir trennen in der Architektur in Öffentliche Bauten und Wohnbauten und haben eine unterschiedliche Formensprache dafür entwickelt. In den Städten sind die Funktionen räumlich getrennt, und die Macht und das Öffentlichen Leben nach wie vor in den Zentren konzentriert, während Wohngebiete an die Peripherie ("näher zur Natur") ausgelagert wurden.

Auch die Aufspaltung der typischen Frauenrollen in zwei Funktionen - Mutter gegen Vamp - ist sehr lebendig. Klar ablesbar heute noch zB an typischen Frauenberufen: Krankenschwester, Erzieherin und Sekretärin gegen Schauspielerin,Stewardess und Model.
In der Werbung, die das Bild von Frauen im Öffentlichen Raum prägt, kommen Fraun haupsächlich in der Rolle der verführerischen Frau vor, also der derselben Zuordnung, die sie auch schon in Athen in der Öffentlichkeit hatten.
Kunstwerke im sozial geförderten Wohnungsbau der Nachkriegszeit dagegen forcieren, wie Irene Nierhaus nachgewiesen hat, ausschließlich die "natürliche" Aufgabe der Frau als Mutter (vgl NIERHAUS 1999: 191).
Es zeigt sich, daß die beiden Frauentypen ganz klar den beiden Sphären Öffentlich-Privat zugeordnet werden.

Das Wissen um die historischen Dimensionen dieser Dichotomien und Zuordnungen ist für ArchitektInnen wichtig, um nicht unreflektiert überkommene Wertvorstellungen zu transportieren.

5.Literatur:

Ahrendt, Hannah: Vita activa. oder Vom tätigen Leben. Serie Piper. München 1967
Grosz, Elizabeth: Bodies and cities in Colomina, Beatriz: Sexuality and Space. Princeton Papers on Architecture. Princeton 1992
Keuls, Eva C.: The Reign of the Phallus. Sexual Politics in Ancient Athens. University of California Press. Berkeley, Los Angeles und London 1993
Irene Nierhaus: Arch 6. Raum Geschlecht Architektur. Sonderzahl Verlag. Wien 1999
Sennett, Richard: Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation. Suhrkamp Velag. Berlin 1995
Weigel, Sigrid: Topographien der Geschlechter. Kulturgeschichtliche Studien zur Literatur. Rohwolt Verlag. Hamburg 1990

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last updated 29.9.2000