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Der Widerstand der Psychoanalyse gegen die unerhörte Geschichte der Baubo1

von Katja Obenaus

"In der Gegenwart ist immer jenes verborgen, durch dessen Hervortreten alles anders werden könnte. Das ist ein schwindelerregender Gedanke, aber ein trostvoller." Hugo von Hofmannsthal

Zusammenfassung

Ausgehend von den eleusinischen Mysterienspielen (Baubo war eine Dienerin, die der um ihre in die Unterwelt entführte Tochter Persephone trauernden Demeter ihre entblößte Scham zeigte, worauf Demeter wieder lachen konnte), geht es in dieser Arbeit erstens um den Vorschlag, den Persephone-Mythos als beispielhaft für die Entwicklung des Mädchens unter den Bedingungen des Patriarchats zur Diskussion zu stellen, und zwar sollte er gleichwertig für das Mädchen in eben der Weise wie der Ödipus-Mythos für den Knaben verwendet werden können.

Zweitens wird ein Lösungsvorschlag für die Auflösung des ödipalen Konfliktes beim Mädchen entwickelt. Für diese Überwindung des Konfliktes ist die Integration der selbstbewußten Wahrnehmung des eigenen Genitales für die Frau als Ort ihrer generativen weiblichen Potenz und ihrer eigenen Lust von entscheidender Bedeutung (das, was Baubo symbolisiert).

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Wie war die Geschichte von Baubo? Baubo war eine seinerzeit sehr populäre weibliche Person aus dem Demeter-Mythos, der im antiken Griechenland in den euleusinischen Mysterienspielen jährlich als Zeremonie für Eingeweihte dargestellt wurde.

Folgende antike Quellen habe ich in dieser Untersuchung verwendet: Die Geschichte vom Raub der Persephone berichtet Homer, bei dem Baubo Iambe heißt. Die Darstellungen der eleusinischen Mysterien - und darin die Figur der Baubo - werden von Orpheus schriftlich weitergegeben - zitiert vom oströmischen Kirchenvater Clemens von Alexandrien (2. Jh. n Chr.) und Arnobius (4.Jh. n. Chr.), der Orpheus zitiert (Orphiker-Fragmente). Auch Psellus, ein byzantinischer christlicher Historiker, 1078 n Chr., berichtet über Baubo in seinen Darstellungen in den eleusinischen Mysterienspielen (zitiert nach Harrison).

Der Mythos:

Der Kosmos war aufgeteilt worden unter die drei Brüder Zeus (für die sichtbare Welt), Poseidon (für die Meere) und Hades (für die Unterwelt). Zeus Bruder Hades hatte in Absprache mit ihm- Zeus -Demeters Tochter Persephone geraubt, weil er sonst keine Frau fand, die freiwillig mit ihm im Hades leben wollte, und in die Unterwelt entführt.
Von Helios erfährt Demeter - die Mutter Persephones, daß der Raub eine mit Zeus abgesprochene Aktion war.
In ihrem großen Schmerz sucht sie die Tochter überall auf der Welt. Teilweise streift sie auch als Stute umher. Bei dieser Gelegenheit wird sie von Poseidon in Gestalt eines Hengstes geschwängert. Schließlich kommt sie unerkannt ins Haus des Keleos, Herrscher von Eleusis. Sie bietet sich als Amme an und wird auch angenommen. (Die Hausherrin Metaneira ist schwanger).

Demeter sitzt dann im Hauses des Keleos, verhüllt ihr Gesicht, schweigt, verweigert den Begrüßungstrunk und ißt nichts. Die Dienerin des Hauses, Iambe/Baubo, versucht sie mit Lachen und Scherzen zu erheitern, was erst gelingt, als sie ihre Gewänder hebt und ihr Genitale zeigt.

Einige Quellen behaupten, Baubo gebäre gerade den Knaben Iakchos, in einer bisher später nie mehr in der Weise übersetzten Quelle fand ich die Beschreibung, sie habe masturbiert (zitiert nach Arnobius).2

Arnobius, Adversus nationes, V, 25 (4. Jh. n. Chr.) zitiert ins Lateinische übertragene Verse, die von Orpheus stammen sollen:
"So sprach sie, zog zugleich das Kleid nach oben und zeigte ihre Geschlechtsteile. Diese rieb (oder schüttelte) Baubo mit der flachen Hand - + sie hatten nämlich einen kindlichen (rasierten) Anschein (alternativ: denn sie hatten ein kindliches Gesicht, d.h. sie ähnelten einem Kind) + - klatschte und berührte sie liebevoll. Da schaute die Göttin hin und legte - ein wenig weicher geworden - die Trauer in ihrem Herzen ab: Ab diesem Moment nahm sie den Becher und trank lachend und froh den ganzen Trank des Kykeon." 3

Baubo war also eine Dienerin im Hause des Keleos, sie stammt aus Thrazien, heißt es, ob sie nun alt war oder jung, Homer nennt sie eine "Erfahrene". (Goethe nennt sie Die alte Baubo, sie war bei ihm eine der Hexen der Walpurgisnacht).4

Demeter zürnte indessen weiterhin und - so Homer - sie ließ die Vegetation auf der Erde verkommen. Und sie drohte damit, das ganze Menschengeschlecht durch Hunger auszurotten.
In dieser Notsituation, gegen welche die olympischen Götter machtlos waren, weil Demeter die Fruchtbarkeit der Erde regelte, gab Zeus nach und bestimmte, daß Persephone wieder aus der Unterwelt emporsteigen durfte. Diese hatte aber aufgrund einer List des Hades unwissentlich einen Granatapfelkern gegessen. Da die Bestimmungen so waren, daß sie gar nichts hätte essen dürfen, durfte sie nur für zwei Drittel des Jahres wieder auf die Erde zurückkehren. Ein Drittel des Jahres mußte sie jedes Jahr an der Seite von Hades als seine Gattin in der Unterwelt verbringen. Sobald sie sich bei ihrer Mutter auf der Erde aufhielt, liess Demeter "in den großen Schollen der Äcker sogleich wieder Früchte wachsen, daß weithin die Erde strotzte von Blättern und Blüten." (Bei den Griechen gab es nur drei Jahreszeiten).

Demeter passt bezüglich ihres Wesens und ihrer Bedeutung nicht in die olympische Götter-Familie. Sie ist offenbar eine mächtigere Göttin aus früheren Zeiten. Wir können dies auch an der Machtlosigkeit der Olympier gegen die Folgen ihres Zorn sehen, der zu Dürrekatastrophe durch Absterben der Vegetation führt, obwohl ja eigentlich die Herrschaft über den Kosmos aufgeteilt ist unter Zeus, Poseidon und Hades. Demeter ist nicht in der gleichen Weise verheiratet wie andere Göttinnen, z.B. Hera. Sie ist autarker, eine große blonde Göttin, mal von Zeus (Kind:Persephone), ihrem Sohn5 oder Bruder (beide sollen Kinder von Chronos und Rhea gewesen sein) mal von Poseidon (Kind: der unsterbliche Hengst Areion und ein MädchenŠ Kore? oder Despoina des euleusinischen Kultes?) geschwängert, aber nie mit diesen zusammenlebend. Ihr Name De -Meter bedeutet Gott-Mutter. Sie ist vermutlich ein Relikt der Großen Muttergöttin der Zeit vor dem Patriarchat. Patriarchalische Gesellschaftsformen hatten sich bereits im Athen des 4. Jh. durchgesetzt, zu einer Zeit, als die Eleusinischen Mysterien jährlich - noch - mit großer Beteiligung gefeiert wurden.
Das Delta des Namens Demeter soll Symbol für das genitale Dreieck der Frauen gewesen sein.

In den Mysterienspielen wurde eine erweiterte Version des Demeter-Mythos, der von Homer in dieser Form nicht genauso beschrieben wurde, dargestellt. Psellus beschrieb den Ablauf der Mysterienspiele (zitiert von Harrison) 6:

Ein geiß-füßiger Zeus vergewaltigt Demeter. Als Folge zürnt Demeter. Um sie zu besänftigen, gibt Zeus trügerisch vor, er habe sich kastriert und wirft Deo die Testikel eines Widders (oder Ziegenbocks) in den Schoß. 7 ( Anschließend habe Zeus, als Kore herangewachsen war, auch diese vergewaltigt, in Gestalt eines Drachen. Persephone habe ein Kind in der Gestalt eines Stieres geboren, dies wird aber in der Pantomime nicht dargestellt.)

Psellus beschrieb dann kurz die Riten des Dionysos, wenn im Anschluß an die eben beschriebene Szene eine heilige Kiste und ein spezieller runder Kuchen mit vielen Knöpfen (popanon) gezeigt wurden. Dann erfolgte der Tanz der heiligen Novizen, die verschiedene Dämonen namens Korubas und Koures darstellten. Schließlich beschrieb Psellus in wenigen Worten Baubos Gebärde: Sie hob ihr Gewand, entblößte ihre Oberschenkel und Scham.
Vor dieser Szene müssten - nach Erich Neumann8 - Abstiegs-, Todes- und Verhüllungsmysterien der Persephone dargestellt worden sein. Danach erfolgte - so Neumann - die Heuresis, die Wiederfindung, indem plötzlich ein Licht-und Feuermeer von Fackel aufflammt und der Geburtsruf ertönt: "Die hehre Göttin hat ein heiliges Kind geboren, Brimo den Brimos (die Erzürnte den Erzürnten)" Dieses Kind aber - so Neumann weiter - sei es nun Jakchos (der ja eigentlich von Baubo geboren worden sein soll, was den Gedanken nahelegt, daß Baubo ein abgespaltener Aspekt der Demeter ist), oder ob er ein anderer war, ist das göttliche Kind, das identisch ist mit dem Zentrum der Schau, der Epoptie, der schweigend gezeigten Ähre 9 als Symbol der Fruchtbarkeit, die dem Herrscher des Landes, Triptolemos, dann übergeben wurde.

Baubo, eigentlich Iambe, dann Baubo genannt, heißt nach Hesych übersetzt: der Schoß, das weibliche Genitale. Da es nun nach Lage der Quellen unklar ist, ob das Kind Iakchos, das lachend unter Baubos Schoß war und mit dem Arm winkte, von Baubo geboren wurde oder Demeters Sohn ist, ob Iakchos vielleicht der Brimos ist, den die Große Göttin in den Mysterienspielen gebar, und der sich in die Ähre verwandelte, die die Fruchtbarkeit der Felder für das nächste Jahr garantieren sollte, scheint es nicht unwahrscheinlich - wie schon oben erwähnt, daß Baubo ein abgespaltener Aspekt der Demeter, der Großen Gott-Mutter, ist. Und zwar ein Aspekt, der durch sich ändernde gesellschaftliche Machtverhältnisse, später einen verachteten, obszönen Beigeschmack bekam. Baubo wurde auch häufig als auf einem Schwein thronend dargestellt - mit der entblößten Scham. (s.auch Goethe, Walpurgisnacht). Die Verbindung zwischen Baubo und dem Schwein, einem vermutlich uralten, lange verehrten göttlichen Symbol für Gebären und Wiedergeburt und Projektionstier für einen speziellen Jenseits-Glauben ist an dieser Stelle zu erahnen (s. Jutta Voss). Ein Schwein wurde bei den Eleusinien geopfert10. (Trächtige Schweine wurden bei den Thesmophorien, reinen Frauen-Mysterienspielen, in eine Grube geworfen, zusammen mit männlichen Genitalien). Das Schwein bezeichnet heute Unsittlicheit, nachdem es aufgrund dieser kulturell bedingten Wandlung von einer Gottheit der Fruchtbarkeit ins Obszöne abrutschen mußte.

Empedocles (490-430 v. Chr.) setzte Baubo gleich mit dem Substantiv Koilia = Körperhöhle, Gebärmutter, Mutterleib, Schoß. Dies war das erste schriftlich dokumentierte Zusammenhang von Baubo mit der Vulva (berichtet Hesychius, Autor eines griechischen Lexikons aus Alexandria, 5. Jh.v.Chr.). In anderen Quellen wird Baubo manchmal als Nurse, Dienerin, Priesterin dargestellt, manchmal als Begleiterin der Gottheit beim Hieros Gamos (rituelle Heilige Hochzeit). Sie wurde auch beschrieben als Bona Dea, einer Gottheit für Frauen, während andere ihre Rolle sahen als Kupplerin, Nacht-Dämon oder das Teuflische Auge.

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Diese Geste der Baubo, um die es hier geht, taucht nicht erst in den eleusinischen Mysterienspielen auf. Es gibt eine ganze Anzahl ähnlicher Mythen der Völker, die eines gemeinsam haben: Eine Gottheit hat sich in Zorn und Kränkung zurückgezogen, im Zorn über die Missetaten einer anderen Gottheit. Gewöhnlich ist die beleidigte Gottheit zuständig für die Fruchtbarkeit der Erde, für die Sonne oder das Wetter. So gibt es als Folge ihres Zorns Umwelt- oder Klimakatastrophen und das Überleben der Menschen ist gefährdet. Die verletzte Göttin (in den meisten Fällen ist sie weiblich) wird versöhnt durch eine kühne, freche, vielleicht auch obszöne? weibliche Person. Diese zweite Person kombiniert den Ausdruck ihrer Sexualität mit einer Kombination von Humor und Tanz (Dies lebt heute noch im Can-Can fort, ist damit ins Rotlichtmilieu abgewandert) oder anderen Gesten und stellt die Balance und Harmonie in der Welt wieder her.

Ein Beispiel 11 ist die ägyptische Göttin Hathor, häufig in Kuh-Form dargestellt als Hathor-Meheturt. Sie hatte das Sonnensystem geboren. Sie war Tochter von Ré. Sie hatte Streit mit ihrem Vater und drohte, das Universum zu zerstören. In ihrem Zorn zog sie sich in die Nubische Wüste zurück. Ihre Abreise brachte das Land in Dunkelheit und Unfruchtbarkeit. Ré schickte seine Söhne: Löwen und Affen (Thoth und Shu), die sie zurückholen sollten. Sie erreichten es, sie zur Rückkehr zu überredeten. Sie reiste mit Musikanten, Tänzern und komischen Figuren. Die Reise ging nach Bubastis (lt. Herodot 2.60 wurden dort jährliche bacchantische Feste gefeiert. "Wenn die Ägypter zu einem heiligen Fest auf dem Nil nach Bubastis fahren, lenken sie ihr Schiff an jedes Ufer, an dem sie auf ihrer Reise vorbeikommen. Einige Frauen singen und stoßen Schreie aus, andere verspotten die Frauen aus den betreffenden Städten, wieder andere heben ihre Röcke hoch und zeigen ihre Geschlechtsteile.") Die Geschichte endet wie die Hymne an Demeter im Frieden, während Hathor-Bast die Fruchtbarkeit und Balance dem Land und Volk des Nils wiedergibt.

In einer anderen Geschichte ist Ré erzürnt über den Streit zwischen Horus und Seth. "nach einer langen Zeit kam Hathor, und stellte sich vor ihren Vater, und sie entblößte ihre Nacktheit vor seinem Gesichte. Und der Große Gott lachte." Es kommt zur Versöhnung.

Eine ganz ähnliche Legende wird aus Japan berichtet12

Welche Bedeutung kann diese Versöhnung haben, von der in den verschiedenen Mythen die Rede ist? Diese Versöhnung geschieht durch die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes der Balance und Harmonie in der Welt. Eine mögliche Interpretation ist, daß es im weitesten Sinne um die magische Wiedergutmachung der Folgen von Wetter- oder Klimakatastrophen geht, im letzten Sinne um die Überwindung des Todes. Die Erde, die alles Leben hervorbringt, "heilt" diese Folgen im weitesten Sinne. Im Mythos treffen wir die Frau an (in ihrer Gestalt als Göttin oder historisch später als Dienerin, Nurse) als Vertreterin der Mutter Erde oder Mutter Natur. Die Frau, der die Pforte des Lebens zu eigen ist (das Tor, durch das jedes Säugetier diese Welt betreten hat), demonstriert durch Herzeigen dieser Pforte die Möglichkeit der Überwindung des Todes durch neue Geburt und Wiedergeburt.

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Freud berichtete allerdings nur in einem beiläufigen Zusammenhang über eine Baubo-Figurine. (Mythologische Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung, Band X). Freud zeichnete eine der kleinen Priene Terrakotten, welche Baubo darstellen. " Sie zeigt einen Frauenleib ohne Kopf und Brust, auf dessen Bauch ein Gesicht gebildet ist; der aufgehobene Rock umrahmt dieses Gesicht wie eine Haarkrone."

Die starke Symbolik der Geste blieb Freud leider verschlossen. Er assoziierte die Baubo-Figurine zu einer Zwangsvorstellung eines seiner Patienten. Der phantasierte das Bild "Vaterarsch" und imaginierte den Vater als einen nackten, mit Armen und Beinen versehenen Unterkörper, dem Kopf und Oberkörper fehlten, die Genitalien waren nicht angezeigt, die Gesichtszüge auf dem Bauch aufgemalt. (Hierbei geht es um das Wort Patriarch).

Daß ihm die Symbolik der Baubo entging, entspringt in diesem nicht ganz unzufälligen Zusammenhang vermutlich der patriarchal gefärbten Sicht, mit der Freud die psychosexuelle Entwicklung der Frau aufzeigte, von der auch er sich als Sohn seiner Zeit trotz des aufklärerischen Anspruchs nicht freimachen konnte.

Patriarchales Denken führte bei einem freudianischen Nachfolger, Devereux, mit seiner Studie Baubo - die mythische Vulva, der einzigen ethnopsychoanalytischen Studie, die sich ausdrücklich und umfassend mit der mythischen Darstellung des weiblichen Genitales befasst, nach zunächst nachvollziehbaren Interpretationen schließlich zu abstrusen Konstruktionen. Devereux interpretiert zunächst bei seiner Einfühlung in den Baubo-Mythos die Baubo-Geste als dem Versuch einer Tröstung für Demeter. Der "Anblick, der eine Geburt beschwört, erheitert Demeter, denn er erinnert sie daran, daß sie, obwohl sie die ins Reich der Toten hinabgestiegene Persephone verloren hat, nichts daran hindert, ein anderes Kind zu gebären." Eine ebenso intime wie frivole Geste also zwischen Frauen, die von dem gemeinsamen Wissen über die in ihrem Schoß verborgenen schöpferischen Möglichkeiten zeugt, denen männliche Gewalt allenfalls vorübergehend etwas anhaben kann. Was der Mann zerstört, so scheint diese Geste zu sagen, kann sich, bei allem Schmerz, den diese Zerstörung verursacht, wieder regenerieren. Die Geste zeugt auch von der Selbstverständlichkeit dieses Wissens, das unter Frauen keiner Worte bedarf, um sich mitzuteilen. Sie verweist auf das, was unzerstörbar ist in ihnen und sie gleichzeitig eng verbindet. Es ist ein Trost, den sich nur Frauen spenden können, eine Geste auch, die wenigstens in dieser Interpretation, die Abwesenheit des Mannes voraussetzt, ihn also ausschließt.

(Dürr (S. 97) greift bei der Interpretation dieser Geste auf das "Osterlachen" zurück, das Lachen als Ausdruck der Erleichterung über die jährliche Wiederkehr der entschwundenen Fruchtbarkeit.13)

Rohde-Dachser kritisiert nun Devereux: "Von hier aus ließe sich nun eine frauenzentrierte Interpretation des Mythos fortführen, mit der Konzentration auf die in der Gebärfähigkeit von Frauen liegenden Macht, ihre Fähigkeit zur Regeneration, auf die mit dieser Fähigkeit verbundenen Formen weiblicher Lebensbewältigung gerade auch unter den Bedingungen des Patriarchats, auf die Möglichkeit stillschweigender Verbundenheit von Frauen in dieser Erfahrung, ihre Verführungsmacht etc. Devereux nimmt keines dieser Themen auf, so wie bei ihm auch später nirgends mehr davon die Rede ist, daß die Geste der Baubo sich in der intimen Begegnung zwischen zwei Frauen ereignete. Statt dessen werden wir Zeugen einer schrittweisen Vereinnahmung des Mythos in die männliche Phantasie, die mit der Apotheose des Phallus endet. Was zu Beginn als eine "Rehabilitierung" des weiblichen Genitales angekündigt wurde, mündet also in seiner Negation."

Wie macht er das? Devereux betont den grundsätzlich "phallischen" Charakter der Geste, bzw. ihren "phallisch-aggressiven Charakter", sie sei das Äquivalent einer phallischen Zurschaustellung, deren Unangemessenheit ganz deutlich wird, wenn man im gleichen Kontext bei Devereux wieder einmal liest, daß die Klitoris der Frau in Wirklichkeit einen "Mini-Penis" (S. 11) oder "eine Art Pseudo-Penis" darstelle.
Devereux interpretiert, indem er jetzt die Geschichte der Mederinnen heranzieht, die den vor den Persern fliehenden Medern ihre entblößten Geschlechtsteile vorwiesen, daß eine Frau, wenn sie in spöttischer Weise einem Mann ihr Geschlechtsorgan zeigt, ihre erste Absicht sei, ihn einen Feigling zu schimpfen. Sie wolle ihn aber auch daran erinnern, daß auch er kastriert werden könne - und er unterstellt: wie auch sie kastriert sei.

Rohde-Dachser kritisiert nun entschieden Devereux, wenn er selbstverständlich in der Nachfolge von Freud davon ausgeht, daß Frauen sich als "kastriert" betrachten (und es auch sind!), daß aber wiederholte Schwangerschaften als Beweise für die "Unkastrierbarkeit" der Frau erlebt werden. Wenn sie ihr Kind verliert (bei der Geburt, durch Tod, durch Fehlgeburt und vor allem durch Abtreibung), "beweist" ihr eine neuerliche SChwangerschaft, daß sie fähig ist, ihren verlorenen Phallus (=Kind) zu regenerieren (S. 33). Die von Freud aufgestellte Gleichung "Phallus = Kind" wird hier von Devereux als anthropologische Konstante in seine Auslegung des Baubo-Mythos übernommen; die verlorene und betrauerte Persephone wird im gleichen Zusammenhang zum "verlorenen Phallus", den zu regenerieren in dieser Phantasie (eine Tröstung des Mannes!) also offenbar möglich ist. Die Möglichkeit dieser Regeneration zeige sich, so Devereux, besonders deutlich in jener Version des Mythos, wo Baubo ihre Vulva zur Schau stellt, aus welcher der Kopf und der Arm von Iakchos herausragen. "Dieses Kind ist der Beweis dafür, daß die Frau nicht kastriert ist, denn dadurch, daß es aus Baubos Vulva herausragt, ähnelt es vorübergehend einem weiblichen Phallus". (Devereux)
Aus weiblicher Sicht ist es nicht nötig, aus dem Kind einen Phallus zu machen - für die Frau ist ein Kind nichts anderes als ein Kind und als solches von eigenem Wert. Wenn Devereux aus dem Kind einen Phallus macht, so könnte dies heißen, daß aus der Sicht des männlichen Analytikers die Trauer über die Unmöglichkeit, jemals ein Kind gebären zu können, mit der Tröstung, daß er ja einen Penis sein eigen nenne, verdrängt werden soll.

Der Demeter-Persephone-Mythos als weibliches Pendant zum Ödipus-Mythos

Ich bin der Meinung, daß in der Geschichte der Persephone ist ein regelmäßig wiederkehrendes Schicksal der Frau in unserer Kultur abgebildet ist. Deshalb schlage ich vor, den Mythos von Demeter und Persephone - und hier mit Augenmerk auf das Schicksal der Tochter Persephone - als beispielhaften Mythos für die "ödipalen" Verstrickungen des Mädchens unter patriarchalen Bedingungen, wie sie in unserer Kultur bis in unsere heutige Zeit anzutreffen sind, heranzuziehen. So wie der Ödipus-Mythos in der Psychoanalyse verwendet wird, um eine ganz bestimmte und typische regelmäßig auftauchende Konstellation der psychischen Entwicklung des Knaben zu verdeutlichen, so könnte künftighin der Persephone-Mythos herangezogen werden, um das psychische Schicksal des Mädchens abzubilden.

Deshalb hier noch einmal die Rekonstruktion der Geschichte der Demeter und Persephone, wobei fehlende Teile durch tiefenhermeneutische Einfühlung ergänzt wurden.

Demnach erschließt sich jetzt der Mythos in folgender Weise:

Demeter wird vergewaltigt. Von ihrem Bruder oder Vater Zeus. Sie erfährt Ohnmacht und Ausgeliefertsein. Sie wird von ihm getäuscht und dadurch belogen, indem er nur scheinbar Reue zeigt, wenn er sich scheinbar kastriert. Er tut dies, da sie Kastrationswünsche ihm gegenüber hatte und er sie besänftigen wollte, können wir annehmen. Sie wird schwanger und gebiert die Tochter Persephone. Diese wächst bei der Mutter auf. Ihr Vater vergeht sich auch an ihr, er mißbraucht sie sexuell. Schließlich verliert Demeter die Tochter an den Tod (Hades), respektive an den Mann der Tochter - nach einer einvernehmlichen Absprache der beiden Götter-Männer Zeus und Hades, Vater und Onkel. Penelope wird die Gattin des Herrschers der Unterwelt. Die Mutter Demeter, die Mutter, scheint sie verloren zu haben. Demeter ist verzweifelt und leidet. Sie irrt verkleidet durch die Welt. In Eleusis trifft sie Baubo, die ihr beim Versuch, sie in ihrer Trauer aufzuheitern, ihr Genitale zeigt. Baubo zeigt, wie sie ein Kind gebiert, zeigt damit die Gebär- und Wiedergebärfähigkeit der Frau und sie zeigt den Ort der Lust, indem sie sich masturbiert. Demeter lacht zunächst wieder, aber im Prinzip zürnt sie weiterhin. Als Folge ihres Zorns verdorrt alle Vegetation auf der Erde, das Leben erstirbt.
Mit ihrer Verweigerung, die Erde wieder fruchtbar werden zu lassen, erreicht sie, daß Persephone zurückkehren kann. Demeter kann nun Persephone, die Tochter, wieder in ihre Arme schließen. Und sie gebiert ein weiteres Kind - Kore. Kore ist vermutlich identisch mit Persephone, die damit gleichsam als wiedergeboren begriffen werden kann. Anschließend gibt Demeter der Welt die Fruchtbarkeit zurück, die Zeiten der Dürre sind beendet. Die Harmonie ist wiederhergestellt.

Aus der Sicht von Persephone geschieht Folgendes:

Persephone wächst bei Demeter auf. Die Mutter liebt sie und läßt sie aus Sicherheitsbedürfnis fernab von aller Welt aufwachsen. Aber sie kann sie dennoch nicht genügend schützen. Persephone fühlt sich möglicherweise von der beschützenden Mutter auch eingesperrt und eingeschränkt. Und dann wird Persephone von ihrem Vater sexuell mißbraucht. Der Vater erscheint ihr als ein furchterregender Drache. Ihre Wünsche, von ihm aus dem Eingesperrt-Sein durch die Mutter befreit zu werden, ihre liebevolle Zuneigung zu ihm haben sich in furchtbarer Weise gegen sie selbst gerichtet. Er beschert ihr ein traumatisches Erlebnis des Ausgeliefert-Seins und der Ohnmacht, sie erlebt seine Lust und ihr eigenes Entsetzen. Jenseits von eigener Lust.

Als sie in die weiblichen Sphären wieder eingetaucht - von Freundinnen begleitet, Blumen pflückt, bemächtigt sich Zeus in Gesellschaft seines Bruders Hades ihrer ein weiteres Mal. Sie wird geraubt und in die Unterwelt entführt. Wieder erlebt sie Ohnmacht und sieht sich als Opfer von Gewalt. Sie wird gewählt, sie kann nicht wählen. Von ihren Wünschen und ihrer Lust haben wir bisher nichts gehört und gespürt. In der Unterwelt fastet sie und verweigert sich. Ihre Mutter Demeter leidet unter dem Verlust der Tochter. Im Vergleich zu diesem grausigen Ort, an dem sie jetzt weilt, wo sie keine lebendigen Möglichkeiten hat außer denen, sich zu verweigern, kommt ihr das Zusammensein mit der ursprünglich wohl auch einschränkend erlebten Mutter nun wieder erstrebenswerter vor, können wir annehmen. Sie hat womöglich auch Schuldgefühle der geliebten Mutter gegenüber, weil diese leidet. Als die Mutter ihre Freilassung durchsetzt, fällt sie auf einen Trick von Hades herein und hat einen Granatapfelkern im Mund. Granatapfel - das ist der Apfel der Partnerwahl, er ist Symbol für Liebe und Erotik. Sie hat demnach begonnen, Liebe für Hades zu empfinden. So wie sie die Mutter geliebt hat und sich von ihr eingesperrt fühlte - beides, so liebt sie nun auch Hades, weil oder obwohl er sie einsperrt. Nun beginnt das Pendeln zwischen der Mutter und Hades: Sie kommt wieder zu ihrer Mutter und setzt die Beziehung zu ihr fort. Sie bleibt solange, bis sie wieder zurück in die Unterwelt muß. Sie geht zurück, lebt mit Hades, geht wieder zurück zur Mutter - hin und her. Sie pendelt. Ihre Wünsche nach Freiheit und Autonomie können nicht gelebt werden. Sie kann nur in dieser Pendelbewegung ein wenig Autonomie erleben, in dem Weggehen vom einen, wobei sie der andere Teil gleich wieder vereinnahmen wird.
(Als Ergänzung zur Geschichte der Persephone fand ich noch folgende Anekdote, in der sich Persephone plötzlich gänzlich anders darstellt. Aphrodite gab Adonis, das Kind eines Inzeßtes, den sie gefördert hatte, zu Persephone in Pflege. Diese zog ihn auf, da sie keine eigenen Kinder hatte. Als er als wunderschöner Jüngling herangewachsen war, begann sie ein Liebesverhältnis mit ihm. Auch er mußte wie sie ein Drittel des Jahres in der Unterwelt verbringen und zwei Drittel auf der Erde. Dort war er der Geliebte der Venus. Bei einer Eberjagd wurde er durch einen abirrenden Pfeil getötet, wobei eine der Göttinnen aus Eifersucht ihre Hand im Spiel gehabt haben soll, und starb - Persephone soll ihn danach gänzlich für sich gehabt und die Rivalität mit Aphrodite quasi für sich entschieden haben.
In dieser Geschichte, so ist unschwer zu erkennen, erleben wir Persephone plötzlich autonomer, handlungsfähig und aktiv. Der Lustaspekt der Baubo steht ihr nun zur Verfügung und sie erscheint uns plötzlich lebendig geworden.)
So wie sich der psychosexuelle Konflikt des Knaben (mit Vorbehalt und unter Auslassung aller Nicht-Übereinstimmungen und Unschärfen) im Ödipus-Mythos abbildet (sehr verkürzt auf: er tötet den Vater und heiratet die Mutter; schließlich leidet er an furchtbaren Schuldgefühlen) so bildet sich - so meine These - der psychosexuelle Konflikt des Mädchens unter gesellschaftlichen patriarchalen Bedingungen ab im Persephone-Mythos: es ist von der Mutter geschützt und gleichzeitig behindert, d.h. eingesperrt -, wird Sexualpartnerin des Vaters, wobei auch erlittene Gewalt eine wichtige Rolle spielt. Sie pendelt zwischen Mutter und Vater. Der Ehemann ersetzt den Vater, sie pendelt zwischen Mutter und Ehemann.

Baubo als Symbol für eigene autonom gelebte Sexualität und generative Fruchtbarkeit kommt im Leben von Persephone lange nicht vor. Sie wurde eliminiert und das bewirkt den Umstand, daß Persephone im Gegensatz zu ihrer Mutter Demeter so hilflos und abhängig werden konnte. In der Anekdote mit Adonis befreit sie sich von patriarchalen Zwängen, lebt eigene Sexualität und gewinnt auf diesem Gebiet ihre Autonomie. Demter selber erleben wir von vornherein autonomer. Über Jahrhunderte hinweg wurde sie aber - vermutlich mit stetig zunehmender Tendenz als die Here und Reine verehrt - dargestellt mit dem kleinen Kind auf dem Schoß. In gleicher Weise wurde Isis in Ägypten dargestellt und unschwer erkennen wir in dieser Darstellung auch das Bild der christlichen Muttergottes. Ich meine, daß die patriarchalen gesellschaftlichen Strömungen dazu geführt haben, daß aus der autonomen machtvollen Demeter ihr Baubo-Anteil, welcher Lust und Stolz auf generative Potenz anzeigt, abgespalten wurde und ins Obszöne abrutschen mußte. Demeter erschien nun edel und rein, ihr Baubo-Anteil wurde verurteilt und verteufelt. In Konsequenz ist die Tochter dieser heren und reinen Demeter die unglückliche, in der Pendelbeziehung zwischen Mann und Mutter gefangene Persephone. Sie kann erlöst werden, wenn sie die Baubo, die ihrer Mutter im Laufe der Zeit abhandengekommen ist, re-integriert.

Die Psychodynamik des Schicksals der Persephone

a) Nach der klassischen Freud'schen Theorie:

Nach der klassischen Weiblichkeits-Theorie Freuds würde sich Persephones Schicksal so lesen:

Bei der Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes zur Zeit der erwachenden sexuellen Neugier erlebte sich Persephone wie jedes Mädchen plötzlich minderwertiger und kastriert. Dies war verbunden mit Ärger und Enttäuschung an der Mutter Demeter, von der sie annahm, daß diese ihr den Penis vorenthalten habe. Diese neue Einstellung, nämlich der Penisneid, löste die zärtliche präödipale Beziehung zur Mutter auf und verstärkte die Hinwendung zum Vater, vom dem sie zu erhalten hoffte, was ihr die Mutter nicht gegeben hatte, nämlich den Penis, bzw. einen Ersatz dafür, z.B. in Form eines Kindes vom Vater. So schrieb Freud 1933a: "Die Abwendung von der Mutter erfolgt wohl nicht mit einem Schlag, denn das Mädchen hält seine Kastration zuerst für ein individuelles Unglück, erst allmählich dehnt sie dieselbe auf andere weibliche Wesen, endlich auch auf die Mutter aus. Ihre Liebe hatte der phallischen Mutter gegolten; mit der Entdeckung, daß die Mutter kastriert ist, wird es möglich, sie als Liebesobjekt fallenzulassen, so daß die lange angesammelten Motive zur Feindseligkeit die Oberhand gewinnen." (S. 135/136). So verführte Persephone in der Phantasie mit solcherlei Wünschen ihren Vater Zeus dazu, Sexualkontakt mit ihr zu haben und empfing auch - in Phantasie - ein Kind von ihm. Sie fuhr in ihren Ödipus-Komplex ein wie in einen Hafen. Ihr Ödipuskomplex gipfelte und erfüllte sich in dem Wunsch, anstelle des schmerzlich vermißten Penis vom Vater ein Kind zu bekommen. Aus dem Erleben des Kastriertseins, solange sie noch kein Kind vom Vater hat, lassen sich bei Persephone eine Reihe von Charaktereinstellungen ableiten wie ein schwächeres Über-Ich, ein stärkeres Ausgeprägtsein des Narzißmus, Passivität und Masochismus. Freud hätte die Ambivalenz und die Rückkehr zur Mutter - dargestellt durch die im Mythos beschriebenen Pendelbewegung zwischen Hades und Demeter - nach ursprünglichem Wechsel des Liebesobjektes durch das Zusammenspiel der heterosexuellen und homosexuellen Komponenten erklärt. Im negativen Ödipuskomplex hegte Persephone die zärtliche gleichgeschlechtliche Beziehung zur Mutter und die entsprechend eifersüchtig-feindselige gegen den Vater. So kam es zur ambivalenten Beziehung sowohl zur Mutter als auch zum Vater und zu der im Mythos beschriebenen Pendelbewegung zwischen dem Ehemann als Nachfolger des Vaters und der Mutter. Da die Kastrationsdrohung bei Persephone wie bei jedem Mädchen nicht wirksam werden konnte, weil ein Mädchen sich ja als bereits kastriert erlebe, war ein Untergang des Ödipuskomplexes durch Aufgabe des Wunsches nach einem Penis oder nach einem Kind vom Vater eigentlich nicht möglich, zumindest liess sich der Augenblick des Untergangs des Ödipuskomplexes nicht eindeutig bestimmen.

b) Nach den Auffassungen der modernen Psychoanalyse

Freuds Thesen über die weibliche Entwicklung wurde sehr bald schon widersprochen. Nach der Auffassung der modernen Psychoanalyse würde sich Persephones Schicksal heute so lesen:

Persephones weibliche Identitätsentwicklung setzte wie bei allen anderen Mädchen mit der Geburt ein und stellte - im Gegensatz zur alten Auffassung - keine sekundäre Kompensation eines (Penis-)Mangelzustandes dar. Die Embryologie stellte in der Zwischenzeit fest, daß alle Föten zunächst phänotypisch weiblich sind und daß männliche Föten sich erst durch das Hinzukommen von androgenen Hormonen entwickeln. Die moderne Säuglingsforschung entdeckte, daß Kinder bereits im ersten Lebensjahr multiple Beziehungen zu verschiedenen Personen haben und man schloß daraus, daß Identifikationsprozesse mit den ersten Objekten von Geburt an für die Geschlechtsidentität von entscheidender Bedeutung sind. Hand in Hand mit der fortschreitenden kognitiven Entwicklung werden die Identifikationsprozesse zunehmend selektiver. Nach der Auffassung von Irene Fast haben ursprünglich alle Kinder undifferenzierte Vollkommenheitsvorstellungen. Mit der Wahrnehmung des Geschlechtsunterschiedes erleben sowohl Mädchen als auch Knabe es als gewaltige Kränkung ihres Narzißmus, sich auf nur eine Geschlechtsrolle beschränken zu müssen - also nur Mann oder nur Frau werden zu dürfen. Beide erleben dies als Verlust, Kastration oder Beraubung ihrer phantasierten Omnipotenz. Die Akzeptanz dieser Beschränktheit auf eines von zwei möglichen Geschlechtern ist ein wichtiger Schritt zur Reifung.
Wenn die Beziehung des Mädchens zur Mutter ausreichend gut ist, kommt es nicht zu einer möglichen Aufspaltung in ein gutes und ein schlechtes Objekt, wie es bei schweren Störungen der Entwicklung der Fall sein kann. (Ein "böses" Mutter-Introjekt würde Aufbau und das Funktionieren eines mütterlichen Ich-Ideals verhindern, weil eine Idealisierung der Mutter und eine selektive Identifikation verhindert worden wäre.)
Während der Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes bemerkt das Mädchen, daß es eine kleine Frau ist wie die Mutter und daß es mit seinen Reizen auf den Vater eine gewisse Wirkung ausübt. Es ist daher kein Objektwechsel des Mädchens vonnöten, um den Vater im Blickfeld erscheinen zu lassen. Aus der sexuellen Identifikation mit der Mutter heraus nimmt das Mädchen nun den Vater als Geschlechtswesen und als heterosexuelles Liebesobjekt wahr. U.U. genießt es seine Macht über die Reaktionen des Vaters auf seine Verführungsversuche. Mißbraucht der Vater das Begehren seiner kleinen Tochter, bringt dies die Tochter in eine fatale Konfliktsituation und führt zu massiven Fehlentwicklungen.

Die Mutter bleibt auch weiterhin für die Bedürfnisbefriedigung und narzißtische Selbstachtung des Mädchens von großer Wichtigkeit (Slap, 1978).
Die sich wiederholende Rückkehr zur Mutter, wie sie uns im Persephone-Mythos eindringlich vor Augen geführt wird, entspricht einerseits der Konzeptualisierung der Mutter-Tochter-Beziehung bei Nancy Chodorow ebenso wie das Konzept eines weiblichen "Selbst-in-Beziehung" (Jordan u. Surrey,1986). Dort wird die Mutter-Tochter-Beziehung in ähnlicher Weise als Ursprungsort einer spezifisch weiblichen Fähigkeit zur Bezogenheit beschrieben. Die Idee der Verbindung zur eigenen Mutter als einem möglichen Heimatort, von dem aus der Aufbruch möglich ist, der aber auch die Rückkehr erlaubt, ist hier zu finden.

Auch Chasseguet-Smirgel beschreibt die Pendelbewegung, die wir bei Persephone beobachten. "Eltern sagen gewöhnlich, daß ihr Sohn sie eines Tages verlassen, ihre Tochter aber im Grunde immer bei ihnen bleiben wird"(S. 186). Aus der Sicht von Chasseguet-Smirgel heißt dies andererseits aber, daß das Mädchen seit dem "Objektwechsel" versucht, der Mutter zu entkommen, daß es mit seinem Bedürfnis, den Vater zu retten, auf Schwierigkeiten stößt und sich schließlich als sein Partialobjekt anbietet, als solches vor der Mutter geschützt, vom Vater geliebt und definitiv abhängig wird. Dabei spielt die ursprüngliche Abhängigkeit von der Mutter eine große Rolle, die den mächtigen Wunsch, sich von der Mutter zu befreien, hervorbringt. Persephone würde nach Chasseguet-Smirgels Auffassung die Zwangslage zahlreicher Frauen symbolisieren, sich zwischen zwei Abhängigkeitspositionen zu entscheiden (S. 187).
Der Persephone-Mythos, könnte Rohde-Dachser sagen, beschreibt damit ziemlich genau das Schicksal der Nicht-Individuation, die der Anpassung der Frau an die ihr zu jeder Zeit zugedachten Geschlechtsrolle diente.
Die Beziehung des Mädchens zum Vater sind nach Chasseguet-Smirgel (S. 185) unmöglich sämtlich auf die frühen Konflikte mit der Mutter und ihrer Brust (M. Klein) zurückzuführen. Das würde nämlich bedeuten, die radikale Veränderung, die durch das Hinzukommen eines weiteren Objektes geschieht, außer Acht zu lassen. Auch Rohde-Dachser warnt vor dem augenblicklichen Trend innerhalb der Psychoanalyse, Bilder von Aggression und Gewalt systematisch von der Vater- auf die Mutterimago zu verlagern.

c) meine eigene Auffassung

Vom letzteren ausgehend folgere ich, daß Persephones Beziehung zum Vater, stellvertretend für jedes Mädchen in unserer Kultur, in mehreren Aspekten beispielhaft begriffen werden kann.

Ich kann ausgehend von eigener klinischer Erfahrung und auch nach der Betrachtung des Persephone-Mythos mindestens drei Imagines des Vaters erkennen, die das psychische Schicksal der Frau beeinflussen:

Da gibt es die Imago

des idealisierten Vater, die
des schwachen und die
des bedrohlichen Vaters.

1) Vom idealisierten Vater möchte Persephone den Phallus, ein Symbol für die Erlaubnis, ein autonomer Mensch zu werden und ein Kind wünscht sie sich auch von ihm (Persephone bekam ja tatsächlich ein Kind von Zeus). Dieser Wunsch nach dem Phallus des Vaters ist ein Hinweis auf das Mißlingen der positiven Besetzung der eigenen Genitalien. Persephone hat sich in ihrem ödipalen Konflikt verfangen.

2) Sie hat Schuldgefühle dem vermeintlich schwachen Vater gegenüber, weil sie ihn nicht vor der Kastration durch die zornige Mutter gerettet hat14 (s.o. Beschreibung von Psellus: Zeus habe sich selbst kastriert - der zornigen Schwester zuliebe).

3) Und sie muß sich mit dem aggressiven, ihr schlimmste Erlebnisse der Ohnmacht verursachenden, starken, Gewalt ausübenden Vater auseinandersetzen, d.h. mit der Imago des bösen, bedrohlichen Vaters. Er hat den sadistischen Phallus, er bedroht das Mädchen in seiner Integrität und lässt Autonomie nicht zu. Er macht Angst.

Die Beziehung zum Vater in seinem schwachen, von der Mutter des Phallus beraubten Vaters führt beim Mädchen zu Schuldgefühl, weil es meint, es hätte ihn erretten müssen. Aber diese Konstellation führt das Mädchen eher noch zur Autonomieentwicklung, meine ich, weil er Anreiz gibt, daß sie aktiv wird und Kräfte und Fähigkeiten entwickelt, um den schwachen Vater zu retten.

Also: Die Beziehung des Mädchens zum Vater ist vielgesichtig. Da gibt es erstens die Idealisierung des Vaters, die aus der enttäuschten Abwendung von der Mutter gespeist wird und von der Hoffnung, bei ihm werde alles besser werden. Dann erfolgt die unvermeidliche Enttäuschung. Darauf entsteht die doppelgesichtige Beziehung zum Aspekt des starken, bedrohlichen Vaters und andererseits die Beziehung zum Aspekt des schwachen, von der Mutter kastrierten Vaters.

Soweit meine Interpretation der Psychodynamik des Entwicklung des Mädchens unter patriarchalischen gesellschaftlichen Bedingungen, wie sie sich im Demeter-Persephone-Mythos abbildet.

Wie sieht die Lösung des ödipalen Konfliktes aus?

Der Knabe überwindet den Ödipus-Komplex, indem er - sehr vereinfacht dargestellt - die Position des Kleinen dem Vater gegenüber und des Kleinen, desjenigen mit dem kleinen Penis der erwachsenen Mutter gegenüber aufgibt, sich mit dem Vater identifiziert, Verzicht leistet und - schon aus Autonomiegründen - und -erst in Gedanken und später in Realität -- eine Frau nimmt, wie es der Vater getan hat, (unter patriarchalen gesellschaftlichen Bedingungen) die jünger ist als er, über geringere Bildung verfügt, die von seinem sozialen Stand und von seinem Einkommen abhängig ist. Dann hat er die Position des Großen der Kleinen gegenüber und fühlt sich in der Rolle des Mächtigeren. Er nimmt auch in positivem Sinne Verantwortung und wird erwachsen.

Beim Mädchen läuft dieser Vorgang nicht dadurch ab, daß es sich von Vater und Mutter abwendet und sich einem Manne zuwendet. Es ist letztlich lange Jahre lang die Kleine bei der Mutter, die Kleine beim Vater und die Kleine bei ihrem Mann. Vor allem, wenn der Mann älter ist, ihr sozial überlegen (das entspricht ja Partnerschaftsmustern, die Männer und Frauen heute noch im Kopf haben), der einen besseren sozialen Stand hat als sie und von dessen Geld sie leben kann. Die Frau bekommt die Position der Mächtigeren erst ihren Kindern gegenüber. Dann nimmt sie Verantwortung und wird teilweise erwachsen. Deshalb verläßt sie die ödipale Position im ersten Schritt - auch gedanklich - dann, wenn sie sich als Mutter von Kindern erlebt (und wenn sie mit Puppen spielt) und wenn sie mit ihrer Sexualität unbefangen umgeht. Auf diesen Punkt weist Baubo die Demeter hin: schau her, du kannst Kinder bekommen und wieder Kinder bekommen und hier ist auch der Ort deiner Lust.
Wenn das Mädchen die verwirrenden doppelgesichtigen Bilder von Mutter und Vater weitgehend hinter sich gelassen hat, kann sie aus dem ödipalen Hafen auch wieder herausfahren.

Über die Ablösung von der Mutter und den schwierigen Prozess der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten der Mutter-Tochter-Beziehung möchte ich an dieser Stelle keine weiteren Ausführungen machen. Das Resultat dieser Auseinandersetzung wird aber letztlich, wenn alles gut gelaufen ist, eine Versöhnung und Identifizierung mit der Mutter bedeuten. Das heißt, daß sich die junge Frau in Krisenzeiten auf die Stützung durch die Mutter und durch Freundinnen, die tiefenpsychologisch gesehen in der Nachfolge der Mutter stehen können, rückbesinnen kann (und sich vice versa auch im umgekehrten Sinne als Stütze zur Verfügung stellen kann).

Was aber die Auseinandersetzung mit dem Vater angeht, bedeutet dies nach meiner klinischen Erfahrung, daß das Mädchen nach dem Abbau der Idealisierung des Vaters als nächstes die Angst vor ihrer Imago des bösen, starken, gewalttätigen, phallischen Vaters überwinden muß. Masochistische Unterwerfung führt nämlich meiner Meinung nach nicht zur Lösung des ödipalen Konfliktes. Bei der Überwindung der Angst hilft ihr das Bewußtsein, daß sie der phallischen Macht des Vaters ihre weibliche "Baubo"-Macht entgegensetzen kann. Daß sie ihr Schloß besitzt und er seinen Schlüssel. Daß sie seiner Gewaltbereitschaft ihre Handlungsfähigkeit entgegensetzen kann.
An diesem Punkt verweise ich auf die Funktion, die das Baubo-Selbstbewußtsein der Frau (das Selbstbewußtsein, das sich gründet auf potentiellen Mutterschaften und der eigenen Lust) im therapeutischen Prozess haben kann. Dieses Baubo-Selbstbewußtsein erhält das Mädchen durch Identifikation mit der Mutter, wenn diese die Baubo-Aspekte in ihrem Leben realisieren konnte (was in der Generation unserer Mütter in den seltensten Fällen der Fall gewesen sein dürfte). Kann sie die Baubo-Aspekte nicht von der Mutter erhalten, steht sie vor der Lebensaufgabe, durch Arbeit an sich selbst sich diese neuen Lebensbereiche zu eröffnen, um dies dann im Hinblick auf die folgende Generation ihren Töchtern zur Verfügung stellen zu können.

Das Mädchen muß dann im nächsten Schritt der Auseinandersetzung mit der Imago des bösen Vaters auch bereit sein, ihre Rachebedürfnisse dem Vater gegenüber aufzugeben.

Weiterhin muß sie die Schuldgefühle hinter sich gelassen haben, die aus der Unrealisierbarkeit des Wunsches kommen, den Vater in seinen schwachen, kastrierten Aspekten vor der Mutter zu retten. Sie muß den Wunsch, ihn zu retten, aufgegeben haben.

Hier schließlich findet der Verzicht statt, der zur Überwindung des ödipalen Konfliktes und zur Bildung eines weiteren Über-Ich-Anteils erforderlich ist: Verzicht auf Rache am Vater und Verzicht auf Rettung des Vaters. Wenn das passiert ist, ist sie wieder aus dem Hafen ihres ödipalen Konfliktes herausgefahren.

Noch einmal zu Baubos Botschaft:

Baubo weist Demeter auf folgendes hin: Hier verläßt du deine kindlichen Positionen zwischen Mutter und Vater und lebst dein eigenes Leben in Bezug auf andere. Du bist potent und schöpferisch. Du bist diejenige, die die Kinder gebiert. Sie verweist auch auf die Lust: du hast deine eigene Lust, da bist du selbst autonom. Du mußt nicht - immer - Objekt für die Lust eines anderen sein, vielleicht häufig ohne selbst Lust zu empfinden. Du hast ein Recht auf lustvolle Sexualkontakte und auch die Möglichkeit dazu. Und notfalls kannst du dir die Lust auch alleine verschaffen. Ich behaupte, daß für die Frau über die Schienen: eigene Lust und Mutterschaft in Zusammenspiel mit dem Verzicht auf Rache am Vater und Verzicht auf Rettung des Vaters das Ziel des Unterganges des Ödipuskomplexes zu erreichen ist. Und daß Baubo als Aspekt der Demeter dieses symbolisiert.

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Slap, J.W.: zitiert nach Galenson 1978, a.a.O.

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Fußnoten

1 Vortrag, gehalten im Rahmen einer Arbeitsgruppe auf der 7. Arbeitstagung der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse in Kloster Seeon, Nov. 1995

2 Die Altphilologin S. Tochtermann hat für mich die Textstelle gefunden und übersetzt.

3 Einige Fragmente der sogenannten orphischen Dichtung, die vor allem durch christliche und heidnische Philosophen des 2. Jh. n. Chr. überliefert sind, handeln vom Raub der Persephone/Kore. So erwähnt ihn auch Clemens von Alexandrien (2.Jh. nach Chr.), Protreptikos II, 20,1-21,1:"Baubo bewirtete Deo (sc. Demeter) und reichte ihr einen Mischtrank (Kykeon) Als die es aber ablehnte, ihn anzunehmen und nicht trinken wollte - sie war nämlich sehr traurig - wurde Baubo sehr betrübt und hob, da sie offenbar verschmäht (verachtet) wurde, ihr Gewand und zeigte der Göttin ihre Scham. Deo aber freute sich über den Anblick und nahm endlich den Trank und freute sich an dem Anblick. Das sind die geheimen Mysterien der Athener.
Auch Orpheus schrieb diese Dinge auf. Ich werde Dir auch die Worte des Orpheus nennen, damit Du den Beweis für die Schamlosigkeit der Mysterien hast. (Hier zeigt sich der oströmische Kirchenvater mit moralisierender Berichterstattung).
So sprach sie, hob das Gewand und zeigte die Teile ihres Körpers, die zu zeigen sich nicht ziemt: Es war aber der Sohn Iakchos da und griff mit der Hand lachend unter Baubos Schoß. Da lächelte die Göttin nun, lächelte von Herzen und nahm den schillernden Becher, in dem sich der Mischtrank befand."

4 Goethe, Walpurgisnacht: Die alte Baubo kommt allein, sie reitet auf einem Mutterschwein

5 Clemens Alexandrinus, Protreptikos, II, 15.1 und 16.2
Über die Mysterien der Demeter: Sind die Mysterien der Deo eine andere Geschichte als die sexuelle Vereinigung von Zeus mit seiner Mutter Demeter, die ob dieser Tatsache den Namen Brimo, die Erzürnte, bekam? Zeus habe darauf einem Widder beide Testikel abgerissen, habe diese genommen und der Deo in den Schoß geworfen, indem er trügerisch vorgab, mit diesem Schmerz für seine schamlose Gewalt zu büßen, indem er sich selbst beschädigt habe. Er triumphiert: "Ich habe vom Tambour gegessen, habe aus der Kymbale getrunken, habe die heiligen Gefäße getragen, ich bin eingedrungen hinter den Vorhang".
Danach gebiert Demeter Persephone, Kore (=Persephone) wächst auf, aber unser Zeus, der sie gezeugt hat, vereinigt sich diesmal mit ihr, Persephone, seiner eigenen Tochter. Er nimmt dabei die Gestalt eines Drachen an (der inzeßtuöse Vater, ein Drache). Er wird auch genannt: o dia kolpous theos "le dieu qui passe par le sein". Persephone gebiert einen Stier.

6 Harrison, Jane, Ellen: Prolegomena to the study of Greek Religion, 1903, reprint London, Merlin-Press, 1980, S. 569

7 nach Clemens Alexandrinus, Protreptikos, 2.15.2 etc.

8 Neumann, E.: Die große Mutter, S. 299

9 Neumann interpretiert hier: "Die Todeshochzeit als Mysterium in ihrem Zusammenhang mit der Heuresis, der Wiederfindung der Kore durch Demeter oder besser ihre Wiederverbindung spricht den Wandlungscharakter des Weiblichen als Zentrum der Erfahrung aus, die das Weibliche macht, wenn es aus dem Mädchen zum Weibe wird. Geraubtwerden, Anheimfallen, Untergang als Mädchen, Sterben und Geopfertwerden steht im Mittelpunkt dieser Ereignisse, sei es daß es am unpersönlichen Gott oder schon personalisiert darin erfahren wird, daß es von dem in jedem Sinne "fremden" Männlichen genommen wird. Zwar scheint dieses Geschehen zunächst als ein Anheimfallen an das Männliche, aber diese Selbstaufgabe ist zugleich im tiefsten Sinne ein Anheimfallen an das Weibliche, die Große Göttin als weibliches Selbst. Erst wenn dies durchschaut oder im Mysterium gefühlsmäßig erfahren und erduldet wird, ist die Heuresis, die Wiedervereinigung der jungen zur Frau gewordenen Kore mit Demeter, der Großen Mutter, geglückt. ERst dann hat sich das Weibliche zentral gewandelt, nicht so sehr dadurch, daß es Weib und empfangend Mutter geworden ist und damit die irdische Fruchtbarkeit und den Bestand des Lebens garantiert, sondern dadurch, daß es sich auf höherer Stufe mit der weiblichen Geistseite, der Sophiaseite der Großen Mutter, vereinigt hat und so zur Mondgöttin geworden ist."
"Das Entzücken, in der Geburt ein Lebendiges und im Sohn ein ergänzend Anderes gebären zu können, überhöht sich durch das größere Entzücken, in der Wandlung der eigenen Natur Geist, Licht und Unsterblichkeit im göttlichen Sohne erstehen zu lassen. Denn auch die Gebärende ist im Mysteriengeschehen eine durch sich selbst Erneuerte. Wohl ist in dem Ruf der Eleusinien. "Die hehre Göttin hat ein heiliges Kind geboren, die Brimo den Brimos", der Name einer alten und eher "primitiven" Göttin enthalten, aber das Mysteriengeschehen lehrt, daß die auferstehende Kore nicht mehr eine Kore ist, die vom Hades entführt werden kann. Die späte psychologische Erkenntnis, daß das matriarchale Bewußtsein der echte Mutterboden der geistigen Wachstumsprozesse ist, wird im Mysterium zum "Wissen" des Weiblichen, das nicht zufälliges dieses Männliche, den Brimos, nur als Variante ihres eigenen Wesens, der Brimo erfährt." Neumann erklärt, daß dieser Sohn für das Weibliche seine eigene unbewußte Geistseite ist, und daß es sich von ihm befruchten lässt, um ihn in sich aufzunehmen und ihn in neuer Geburt wieder von sich fortzugeben

10 s. die Ausführungen meines Urgroßvaters Otto Keller ("Horaz-Keller"), Die antike Tierwelt, S. 400

11 Zitiert nach Winfried Milius Lubell, Baubo und Dürr, a.a.O., S. 98

12 Dürr, a.a.O. S. 91

13 "Persephone, die in die Unterwelt entführte Tochter der Demeter, Inbegriff der in der Sommerhitze verdorrenden Vegetation, scheint der trauernden Mutter für immer verloren, bis Iambe der Göttin die Vulva zeigt, durch die das Lebens immer wieder neu geboren wird. Demeter erkennt, daß der Rückzug der natura naturata in das Innere der Erde nur temporär ist, ähnlich wie der Teilnehmer an den Eleusinischen Mysterien, vor dem maskierte Frauen auf der Brücke über den Bach Kephissos das Gewand hochgezogen haben und dem das in einer Kisti verborgene Bild einer Vulva gezeigt worden ist, auf diese Weise daran erinnert wird, daß auf den Tod ein neues Leben folgt. Wenn diese Interpretation zutrifft, dann ist -zumindest im klassischen Griechenland - im vorliegenden Falle die Entblößung der Vulva kein apotropäischer Akt (der Abschreckung dienend wie die Vulven auf den Schilden der Krieger), sondern das tröstende Vorzeigen des Symbols der "Ewigen Wiederkehr des Gleichen", und das Lachen ist der Ausdruck der Erleichterung darüber, daß nicht alles zu seinem Ende gekommen ist."

14 Chasseguet-Smirgel, a.a.O., S. 152

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last updated 29.9.2000