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publikation auf frauenweb.at
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Der Widerstand der Psychoanalyse gegen die unerhörte
Geschichte der Baubo1
von Katja Obenaus
"In der Gegenwart ist immer jenes verborgen, durch dessen
Hervortreten alles anders werden könnte. Das ist ein
schwindelerregender Gedanke, aber ein trostvoller." Hugo von
Hofmannsthal
Zusammenfassung
Ausgehend von den eleusinischen Mysterienspielen (Baubo war eine
Dienerin, die der um ihre in die Unterwelt entführte Tochter
Persephone trauernden Demeter ihre entblößte Scham zeigte,
worauf Demeter wieder lachen konnte), geht es in dieser Arbeit erstens
um den Vorschlag, den Persephone-Mythos als beispielhaft für die
Entwicklung des Mädchens unter den Bedingungen des Patriarchats
zur Diskussion zu stellen, und zwar sollte er gleichwertig für das
Mädchen in eben der Weise wie der Ödipus-Mythos für den
Knaben verwendet werden können.
Zweitens wird ein Lösungsvorschlag für die Auflösung
des ödipalen Konfliktes beim Mädchen entwickelt. Für
diese Überwindung des Konfliktes ist die Integration der
selbstbewußten Wahrnehmung des eigenen Genitales für die
Frau als Ort ihrer generativen weiblichen Potenz und ihrer eigenen
Lust von entscheidender Bedeutung (das, was Baubo symbolisiert).
*
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Wie war die Geschichte von Baubo? Baubo war eine seinerzeit sehr
populäre weibliche Person aus dem Demeter-Mythos, der im antiken
Griechenland in den euleusinischen Mysterienspielen jährlich als
Zeremonie für Eingeweihte dargestellt wurde.
Folgende antike Quellen habe ich in dieser Untersuchung verwendet: Die
Geschichte vom Raub der Persephone berichtet Homer, bei dem Baubo
Iambe heißt. Die Darstellungen der eleusinischen Mysterien - und
darin die Figur der Baubo - werden von Orpheus schriftlich
weitergegeben - zitiert vom oströmischen Kirchenvater Clemens von
Alexandrien (2. Jh. n Chr.) und Arnobius (4.Jh. n. Chr.), der Orpheus
zitiert (Orphiker-Fragmente). Auch Psellus, ein byzantinischer
christlicher Historiker, 1078 n Chr., berichtet über Baubo in
seinen Darstellungen in den eleusinischen Mysterienspielen (zitiert
nach Harrison).
Der Mythos:
Der Kosmos war aufgeteilt worden unter die drei Brüder Zeus
(für die sichtbare Welt), Poseidon (für die Meere) und Hades
(für die Unterwelt). Zeus Bruder Hades hatte in Absprache mit
ihm- Zeus -Demeters Tochter Persephone geraubt, weil er sonst keine
Frau fand, die freiwillig mit ihm im Hades leben wollte, und in die
Unterwelt entführt.
Von Helios erfährt Demeter - die Mutter Persephones, daß
der Raub eine mit Zeus abgesprochene Aktion war.
In ihrem großen Schmerz sucht sie die Tochter überall auf
der Welt. Teilweise streift sie auch als Stute umher. Bei dieser
Gelegenheit wird sie von Poseidon in Gestalt eines Hengstes
geschwängert. Schließlich kommt sie unerkannt ins Haus des
Keleos, Herrscher von Eleusis. Sie bietet sich als Amme an und wird
auch angenommen. (Die Hausherrin Metaneira ist schwanger).
Demeter sitzt dann im Hauses des Keleos, verhüllt ihr Gesicht,
schweigt, verweigert den Begrüßungstrunk und ißt
nichts. Die Dienerin des Hauses, Iambe/Baubo, versucht sie mit Lachen
und Scherzen zu erheitern, was erst gelingt, als sie ihre
Gewänder hebt und ihr Genitale zeigt.
Einige Quellen behaupten, Baubo gebäre gerade den Knaben Iakchos,
in einer bisher später nie mehr in der Weise übersetzten
Quelle fand ich die Beschreibung, sie habe masturbiert (zitiert nach
Arnobius).2
Arnobius, Adversus nationes, V, 25 (4. Jh. n. Chr.) zitiert ins
Lateinische übertragene Verse, die von Orpheus stammen sollen:
"So sprach sie, zog zugleich das Kleid nach oben und zeigte ihre
Geschlechtsteile. Diese rieb (oder schüttelte) Baubo mit der
flachen Hand - + sie hatten nämlich einen kindlichen (rasierten)
Anschein (alternativ: denn sie hatten ein kindliches Gesicht, d.h. sie
ähnelten einem Kind) + - klatschte und berührte sie
liebevoll. Da schaute die Göttin hin und legte - ein wenig
weicher geworden - die Trauer in ihrem Herzen ab: Ab diesem Moment
nahm sie den Becher und trank lachend und froh den ganzen Trank des
Kykeon." 3
Baubo war also eine Dienerin im Hause des Keleos, sie stammt aus
Thrazien, heißt es, ob sie nun alt war oder jung, Homer nennt
sie eine "Erfahrene". (Goethe nennt sie Die alte Baubo, sie war bei
ihm eine der Hexen der Walpurgisnacht).4
Demeter zürnte indessen weiterhin und - so Homer - sie ließ
die Vegetation auf der Erde verkommen. Und sie drohte damit, das ganze
Menschengeschlecht durch Hunger auszurotten.
In dieser Notsituation, gegen welche die olympischen Götter
machtlos waren, weil Demeter die Fruchtbarkeit der Erde regelte, gab
Zeus nach und bestimmte, daß Persephone wieder aus der Unterwelt
emporsteigen durfte. Diese hatte aber aufgrund einer List des Hades
unwissentlich einen Granatapfelkern gegessen. Da die Bestimmungen so
waren, daß sie gar nichts hätte essen dürfen, durfte
sie nur für zwei Drittel des Jahres wieder auf die Erde
zurückkehren. Ein Drittel des Jahres mußte sie jedes Jahr
an der Seite von Hades als seine Gattin in der Unterwelt
verbringen. Sobald sie sich bei ihrer Mutter auf der Erde aufhielt,
liess Demeter "in den großen Schollen der Äcker sogleich
wieder Früchte wachsen, daß weithin die Erde strotzte von
Blättern und Blüten." (Bei den Griechen gab es nur drei
Jahreszeiten).
Demeter passt bezüglich ihres Wesens und ihrer Bedeutung nicht in
die olympische Götter-Familie. Sie ist offenbar eine
mächtigere Göttin aus früheren Zeiten. Wir können
dies auch an der Machtlosigkeit der Olympier gegen die Folgen ihres
Zorn sehen, der zu Dürrekatastrophe durch Absterben der
Vegetation führt, obwohl ja eigentlich die Herrschaft über
den Kosmos aufgeteilt ist unter Zeus, Poseidon und Hades. Demeter ist
nicht in der gleichen Weise verheiratet wie andere Göttinnen,
z.B. Hera. Sie ist autarker, eine große blonde Göttin, mal
von Zeus (Kind:Persephone), ihrem Sohn5 oder Bruder
(beide sollen Kinder von Chronos und Rhea gewesen sein) mal von
Poseidon (Kind: der unsterbliche Hengst Areion und ein
MädchenŠ Kore? oder Despoina des euleusinischen Kultes?)
geschwängert, aber nie mit diesen zusammenlebend. Ihr Name De
-Meter bedeutet Gott-Mutter. Sie ist vermutlich ein Relikt der
Großen Muttergöttin der Zeit vor dem
Patriarchat. Patriarchalische Gesellschaftsformen hatten sich bereits
im Athen des 4. Jh. durchgesetzt, zu einer Zeit, als die Eleusinischen
Mysterien jährlich - noch - mit großer Beteiligung gefeiert
wurden.
Das Delta des Namens Demeter soll Symbol für das genitale Dreieck
der Frauen gewesen sein.
In den Mysterienspielen wurde eine erweiterte Version des
Demeter-Mythos, der von Homer in dieser Form nicht genauso beschrieben
wurde, dargestellt. Psellus beschrieb den Ablauf der Mysterienspiele
(zitiert von Harrison) 6:
Ein geiß-füßiger Zeus vergewaltigt Demeter. Als Folge
zürnt Demeter. Um sie zu besänftigen, gibt Zeus
trügerisch vor, er habe sich kastriert und wirft Deo die Testikel
eines Widders (oder Ziegenbocks) in den Schoß. 7 ( Anschließend habe Zeus, als Kore
herangewachsen war, auch diese vergewaltigt, in Gestalt eines
Drachen. Persephone habe ein Kind in der Gestalt eines Stieres
geboren, dies wird aber in der Pantomime nicht dargestellt.)
Psellus beschrieb dann kurz die Riten des Dionysos, wenn im
Anschluß an die eben beschriebene Szene eine heilige Kiste und
ein spezieller runder Kuchen mit vielen Knöpfen (popanon) gezeigt
wurden. Dann erfolgte der Tanz der heiligen Novizen, die verschiedene
Dämonen namens Korubas und Koures darstellten. Schließlich
beschrieb Psellus in wenigen Worten Baubos Gebärde: Sie hob ihr
Gewand, entblößte ihre Oberschenkel und Scham.
Vor dieser Szene müssten - nach Erich Neumann8 -
Abstiegs-, Todes- und Verhüllungsmysterien der Persephone
dargestellt worden sein. Danach erfolgte - so Neumann - die Heuresis,
die Wiederfindung, indem plötzlich ein Licht-und Feuermeer von
Fackel aufflammt und der Geburtsruf ertönt: "Die hehre
Göttin hat ein heiliges Kind geboren, Brimo den Brimos (die
Erzürnte den Erzürnten)" Dieses Kind aber - so Neumann
weiter - sei es nun Jakchos (der ja eigentlich von Baubo geboren
worden sein soll, was den Gedanken nahelegt, daß Baubo ein
abgespaltener Aspekt der Demeter ist), oder ob er ein anderer war, ist
das göttliche Kind, das identisch ist mit dem Zentrum der Schau,
der Epoptie, der schweigend gezeigten Ähre 9 als
Symbol der Fruchtbarkeit, die dem Herrscher des Landes, Triptolemos,
dann übergeben wurde.
Baubo, eigentlich Iambe, dann Baubo genannt, heißt nach Hesych
übersetzt: der Schoß, das weibliche Genitale. Da es nun
nach Lage der Quellen unklar ist, ob das Kind Iakchos, das lachend
unter Baubos Schoß war und mit dem Arm winkte, von Baubo geboren
wurde oder Demeters Sohn ist, ob Iakchos vielleicht der Brimos ist,
den die Große Göttin in den Mysterienspielen gebar, und der
sich in die Ähre verwandelte, die die Fruchtbarkeit der Felder
für das nächste Jahr garantieren sollte, scheint es nicht
unwahrscheinlich - wie schon oben erwähnt, daß Baubo ein
abgespaltener Aspekt der Demeter, der Großen Gott-Mutter,
ist. Und zwar ein Aspekt, der durch sich ändernde
gesellschaftliche Machtverhältnisse, später einen
verachteten, obszönen Beigeschmack bekam. Baubo wurde auch
häufig als auf einem Schwein thronend dargestellt - mit der
entblößten Scham. (s.auch Goethe, Walpurgisnacht). Die
Verbindung zwischen Baubo und dem Schwein, einem vermutlich uralten,
lange verehrten göttlichen Symbol für Gebären und
Wiedergeburt und Projektionstier für einen speziellen
Jenseits-Glauben ist an dieser Stelle zu erahnen (s. Jutta Voss). Ein
Schwein wurde bei den Eleusinien geopfert10.
(Trächtige Schweine wurden bei den Thesmophorien, reinen
Frauen-Mysterienspielen, in eine Grube geworfen, zusammen mit
männlichen Genitalien). Das Schwein bezeichnet heute
Unsittlicheit, nachdem es aufgrund dieser kulturell bedingten Wandlung
von einer Gottheit der Fruchtbarkeit ins Obszöne abrutschen
mußte.
Empedocles (490-430 v. Chr.) setzte Baubo gleich mit dem Substantiv
Koilia = Körperhöhle, Gebärmutter, Mutterleib,
Schoß. Dies war das erste schriftlich dokumentierte Zusammenhang
von Baubo mit der Vulva (berichtet Hesychius, Autor eines griechischen
Lexikons aus Alexandria, 5. Jh.v.Chr.). In anderen Quellen wird Baubo
manchmal als Nurse, Dienerin, Priesterin dargestellt, manchmal als
Begleiterin der Gottheit beim Hieros Gamos (rituelle Heilige
Hochzeit). Sie wurde auch beschrieben als Bona Dea, einer Gottheit
für Frauen, während andere ihre Rolle sahen als Kupplerin,
Nacht-Dämon oder das Teuflische Auge.
*
Diese Geste der Baubo, um die es hier geht, taucht nicht erst in den
eleusinischen Mysterienspielen auf. Es gibt eine ganze Anzahl
ähnlicher Mythen der Völker, die eines gemeinsam haben: Eine
Gottheit hat sich in Zorn und Kränkung zurückgezogen, im
Zorn über die Missetaten einer anderen Gottheit. Gewöhnlich
ist die beleidigte Gottheit zuständig für die Fruchtbarkeit
der Erde, für die Sonne oder das Wetter. So gibt es als Folge
ihres Zorns Umwelt- oder Klimakatastrophen und das Überleben der
Menschen ist gefährdet. Die verletzte Göttin (in den meisten
Fällen ist sie weiblich) wird versöhnt durch eine
kühne, freche, vielleicht auch obszöne? weibliche
Person. Diese zweite Person kombiniert den Ausdruck ihrer
Sexualität mit einer Kombination von Humor und Tanz (Dies lebt
heute noch im Can-Can fort, ist damit ins Rotlichtmilieu abgewandert)
oder anderen Gesten und stellt die Balance und Harmonie in der Welt
wieder her.
Ein Beispiel 11 ist die ägyptische Göttin Hathor,
häufig in Kuh-Form dargestellt als Hathor-Meheturt. Sie hatte das
Sonnensystem geboren. Sie war Tochter von Ré. Sie hatte Streit
mit ihrem Vater und drohte, das Universum zu zerstören. In ihrem
Zorn zog sie sich in die Nubische Wüste zurück. Ihre Abreise
brachte das Land in Dunkelheit und Unfruchtbarkeit. Ré schickte
seine Söhne: Löwen und Affen (Thoth und Shu), die sie
zurückholen sollten. Sie erreichten es, sie zur Rückkehr zu
überredeten. Sie reiste mit Musikanten, Tänzern und
komischen Figuren. Die Reise ging nach Bubastis (lt. Herodot 2.60
wurden dort jährliche bacchantische Feste gefeiert. "Wenn die
Ägypter zu einem heiligen Fest auf dem Nil nach Bubastis fahren,
lenken sie ihr Schiff an jedes Ufer, an dem sie auf ihrer Reise
vorbeikommen. Einige Frauen singen und stoßen Schreie aus,
andere verspotten die Frauen aus den betreffenden Städten, wieder
andere heben ihre Röcke hoch und zeigen ihre Geschlechtsteile.")
Die Geschichte endet wie die Hymne an Demeter im Frieden, während
Hathor-Bast die Fruchtbarkeit und Balance dem Land und Volk des Nils
wiedergibt.
In einer anderen Geschichte ist Ré erzürnt über den
Streit zwischen Horus und Seth. "nach einer langen Zeit kam
Hathor, und stellte sich vor ihren Vater, und sie entblößte
ihre Nacktheit vor seinem Gesichte. Und der Große Gott lachte."
Es kommt zur Versöhnung.
Eine ganz ähnliche Legende wird aus Japan berichtet12
Welche Bedeutung kann diese Versöhnung haben, von der in den
verschiedenen Mythen die Rede ist? Diese Versöhnung geschieht
durch die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes der
Balance und Harmonie in der Welt. Eine mögliche Interpretation
ist, daß es im weitesten Sinne um die magische Wiedergutmachung
der Folgen von Wetter- oder Klimakatastrophen geht, im letzten Sinne
um die Überwindung des Todes. Die Erde, die alles Leben
hervorbringt, "heilt" diese Folgen im weitesten Sinne. Im Mythos
treffen wir die Frau an (in ihrer Gestalt als Göttin oder
historisch später als Dienerin, Nurse) als Vertreterin der Mutter
Erde oder Mutter Natur. Die Frau, der die Pforte des Lebens zu eigen
ist (das Tor, durch das jedes Säugetier diese Welt betreten hat),
demonstriert durch Herzeigen dieser Pforte die Möglichkeit der
Überwindung des Todes durch neue Geburt und Wiedergeburt.
*
Freud berichtete allerdings nur in einem beiläufigen Zusammenhang
über eine Baubo-Figurine. (Mythologische Parallele zu einer
plastischen Zwangsvorstellung, Band X). Freud zeichnete eine der
kleinen Priene Terrakotten, welche Baubo darstellen. " Sie zeigt einen
Frauenleib ohne Kopf und Brust, auf dessen Bauch ein Gesicht gebildet
ist; der aufgehobene Rock umrahmt dieses Gesicht wie eine Haarkrone."
Die starke Symbolik der Geste blieb Freud leider verschlossen. Er
assoziierte die Baubo-Figurine zu einer Zwangsvorstellung eines seiner
Patienten. Der phantasierte das Bild "Vaterarsch" und imaginierte den
Vater als einen nackten, mit Armen und Beinen versehenen
Unterkörper, dem Kopf und Oberkörper fehlten, die Genitalien
waren nicht angezeigt, die Gesichtszüge auf dem Bauch
aufgemalt. (Hierbei geht es um das Wort Patriarch).
Daß ihm die Symbolik der Baubo entging, entspringt in diesem
nicht ganz unzufälligen Zusammenhang vermutlich der patriarchal
gefärbten Sicht, mit der Freud die psychosexuelle Entwicklung der
Frau aufzeigte, von der auch er sich als Sohn seiner Zeit trotz des
aufklärerischen Anspruchs nicht freimachen konnte.
Patriarchales Denken führte bei einem freudianischen Nachfolger,
Devereux, mit seiner Studie Baubo - die mythische Vulva, der einzigen
ethnopsychoanalytischen Studie, die sich ausdrücklich und
umfassend mit der mythischen Darstellung des weiblichen Genitales
befasst, nach zunächst nachvollziehbaren Interpretationen
schließlich zu abstrusen Konstruktionen. Devereux interpretiert
zunächst bei seiner Einfühlung in den Baubo-Mythos die
Baubo-Geste als dem Versuch einer Tröstung für Demeter. Der
"Anblick, der eine Geburt beschwört, erheitert Demeter, denn er
erinnert sie daran, daß sie, obwohl sie die ins Reich der Toten
hinabgestiegene Persephone verloren hat, nichts daran hindert, ein
anderes Kind zu gebären." Eine ebenso intime wie frivole Geste
also zwischen Frauen, die von dem gemeinsamen Wissen über die in
ihrem Schoß verborgenen schöpferischen Möglichkeiten
zeugt, denen männliche Gewalt allenfalls vorübergehend etwas
anhaben kann. Was der Mann zerstört, so scheint diese Geste zu
sagen, kann sich, bei allem Schmerz, den diese Zerstörung
verursacht, wieder regenerieren. Die Geste zeugt auch von der
Selbstverständlichkeit dieses Wissens, das unter Frauen keiner
Worte bedarf, um sich mitzuteilen. Sie verweist auf das, was
unzerstörbar ist in ihnen und sie gleichzeitig eng verbindet. Es
ist ein Trost, den sich nur Frauen spenden können, eine Geste
auch, die wenigstens in dieser Interpretation, die Abwesenheit des
Mannes voraussetzt, ihn also ausschließt.
(Dürr (S. 97) greift bei der Interpretation dieser Geste auf das
"Osterlachen" zurück, das Lachen als Ausdruck der Erleichterung
über die jährliche Wiederkehr der entschwundenen
Fruchtbarkeit.13)
Rohde-Dachser kritisiert nun Devereux: "Von hier aus ließe sich
nun eine frauenzentrierte Interpretation des Mythos fortführen,
mit der Konzentration auf die in der Gebärfähigkeit von
Frauen liegenden Macht, ihre Fähigkeit zur Regeneration, auf die
mit dieser Fähigkeit verbundenen Formen weiblicher
Lebensbewältigung gerade auch unter den Bedingungen des
Patriarchats, auf die Möglichkeit stillschweigender Verbundenheit
von Frauen in dieser Erfahrung, ihre Verführungsmacht
etc. Devereux nimmt keines dieser Themen auf, so wie bei ihm auch
später nirgends mehr davon die Rede ist, daß die Geste der
Baubo sich in der intimen Begegnung zwischen zwei Frauen
ereignete. Statt dessen werden wir Zeugen einer schrittweisen
Vereinnahmung des Mythos in die männliche Phantasie, die mit der
Apotheose des Phallus endet. Was zu Beginn als eine "Rehabilitierung"
des weiblichen Genitales angekündigt wurde, mündet also in
seiner Negation."
Wie macht er das? Devereux betont den grundsätzlich "phallischen"
Charakter der Geste, bzw. ihren "phallisch-aggressiven Charakter", sie
sei das Äquivalent einer phallischen Zurschaustellung, deren
Unangemessenheit ganz deutlich wird, wenn man im gleichen Kontext bei
Devereux wieder einmal liest, daß die Klitoris der Frau in
Wirklichkeit einen "Mini-Penis" (S. 11) oder "eine Art Pseudo-Penis"
darstelle.
Devereux interpretiert, indem er jetzt die Geschichte der Mederinnen
heranzieht, die den vor den Persern fliehenden Medern ihre
entblößten Geschlechtsteile vorwiesen, daß eine Frau,
wenn sie in spöttischer Weise einem Mann ihr Geschlechtsorgan
zeigt, ihre erste Absicht sei, ihn einen Feigling zu schimpfen. Sie
wolle ihn aber auch daran erinnern, daß auch er kastriert werden
könne - und er unterstellt: wie auch sie kastriert sei.
Rohde-Dachser kritisiert nun entschieden Devereux, wenn er
selbstverständlich in der Nachfolge von Freud davon ausgeht,
daß Frauen sich als "kastriert" betrachten (und es auch sind!),
daß aber wiederholte Schwangerschaften als Beweise für die
"Unkastrierbarkeit" der Frau erlebt werden. Wenn sie ihr Kind verliert
(bei der Geburt, durch Tod, durch Fehlgeburt und vor allem durch
Abtreibung), "beweist" ihr eine neuerliche SChwangerschaft, daß
sie fähig ist, ihren verlorenen Phallus (=Kind) zu regenerieren
(S. 33). Die von Freud aufgestellte Gleichung "Phallus = Kind" wird
hier von Devereux als anthropologische Konstante in seine Auslegung
des Baubo-Mythos übernommen; die verlorene und betrauerte
Persephone wird im gleichen Zusammenhang zum "verlorenen Phallus", den
zu regenerieren in dieser Phantasie (eine Tröstung des Mannes!)
also offenbar möglich ist. Die Möglichkeit dieser
Regeneration zeige sich, so Devereux, besonders deutlich in jener
Version des Mythos, wo Baubo ihre Vulva zur Schau stellt, aus welcher
der Kopf und der Arm von Iakchos herausragen. "Dieses Kind ist der
Beweis dafür, daß die Frau nicht kastriert ist, denn
dadurch, daß es aus Baubos Vulva herausragt, ähnelt es
vorübergehend einem weiblichen Phallus". (Devereux)
Aus weiblicher Sicht ist es nicht nötig, aus dem Kind einen
Phallus zu machen - für die Frau ist ein Kind nichts anderes als
ein Kind und als solches von eigenem Wert. Wenn Devereux aus dem Kind
einen Phallus macht, so könnte dies heißen, daß aus
der Sicht des männlichen Analytikers die Trauer über die
Unmöglichkeit, jemals ein Kind gebären zu können, mit
der Tröstung, daß er ja einen Penis sein eigen nenne,
verdrängt werden soll.
Der Demeter-Persephone-Mythos als weibliches Pendant zum
Ödipus-Mythos
Ich bin der Meinung, daß in der Geschichte der Persephone ist
ein regelmäßig wiederkehrendes Schicksal der Frau in
unserer Kultur abgebildet ist. Deshalb schlage ich vor, den Mythos von
Demeter und Persephone - und hier mit Augenmerk auf das Schicksal der
Tochter Persephone - als beispielhaften Mythos für die
"ödipalen" Verstrickungen des Mädchens unter patriarchalen
Bedingungen, wie sie in unserer Kultur bis in unsere heutige Zeit
anzutreffen sind, heranzuziehen. So wie der Ödipus-Mythos in der
Psychoanalyse verwendet wird, um eine ganz bestimmte und typische
regelmäßig auftauchende Konstellation der psychischen
Entwicklung des Knaben zu verdeutlichen, so könnte
künftighin der Persephone-Mythos herangezogen werden, um das
psychische Schicksal des Mädchens abzubilden.
Deshalb hier noch einmal die Rekonstruktion der Geschichte der Demeter
und Persephone, wobei fehlende Teile durch tiefenhermeneutische
Einfühlung ergänzt wurden.
Demnach erschließt sich jetzt der Mythos in folgender Weise:
Demeter wird vergewaltigt. Von ihrem Bruder oder Vater Zeus. Sie
erfährt Ohnmacht und Ausgeliefertsein. Sie wird von ihm
getäuscht und dadurch belogen, indem er nur scheinbar Reue zeigt,
wenn er sich scheinbar kastriert. Er tut dies, da sie
Kastrationswünsche ihm gegenüber hatte und er sie
besänftigen wollte, können wir annehmen. Sie wird schwanger
und gebiert die Tochter Persephone. Diese wächst bei der Mutter
auf. Ihr Vater vergeht sich auch an ihr, er mißbraucht sie
sexuell. Schließlich verliert Demeter die Tochter an den Tod
(Hades), respektive an den Mann der Tochter - nach einer
einvernehmlichen Absprache der beiden Götter-Männer Zeus und
Hades, Vater und Onkel. Penelope wird die Gattin des Herrschers der
Unterwelt. Die Mutter Demeter, die Mutter, scheint sie verloren zu
haben. Demeter ist verzweifelt und leidet. Sie irrt verkleidet durch
die Welt. In Eleusis trifft sie Baubo, die ihr beim Versuch, sie in
ihrer Trauer aufzuheitern, ihr Genitale zeigt. Baubo zeigt, wie sie
ein Kind gebiert, zeigt damit die Gebär- und
Wiedergebärfähigkeit der Frau und sie zeigt den Ort der
Lust, indem sie sich masturbiert. Demeter lacht zunächst wieder,
aber im Prinzip zürnt sie weiterhin. Als Folge ihres Zorns
verdorrt alle Vegetation auf der Erde, das Leben erstirbt.
Mit ihrer Verweigerung, die Erde wieder fruchtbar werden zu lassen,
erreicht sie, daß Persephone zurückkehren kann. Demeter
kann nun Persephone, die Tochter, wieder in ihre Arme
schließen. Und sie gebiert ein weiteres Kind - Kore. Kore ist
vermutlich identisch mit Persephone, die damit gleichsam als
wiedergeboren begriffen werden kann. Anschließend gibt Demeter
der Welt die Fruchtbarkeit zurück, die Zeiten der Dürre sind
beendet. Die Harmonie ist wiederhergestellt.
Aus der Sicht von Persephone geschieht Folgendes:
Persephone wächst bei Demeter auf. Die Mutter liebt sie und
läßt sie aus Sicherheitsbedürfnis fernab von aller
Welt aufwachsen. Aber sie kann sie dennoch nicht genügend
schützen. Persephone fühlt sich möglicherweise von der
beschützenden Mutter auch eingesperrt und eingeschränkt. Und
dann wird Persephone von ihrem Vater sexuell mißbraucht. Der
Vater erscheint ihr als ein furchterregender Drache. Ihre
Wünsche, von ihm aus dem Eingesperrt-Sein durch die Mutter
befreit zu werden, ihre liebevolle Zuneigung zu ihm haben sich in
furchtbarer Weise gegen sie selbst gerichtet. Er beschert ihr ein
traumatisches Erlebnis des Ausgeliefert-Seins und der Ohnmacht, sie
erlebt seine Lust und ihr eigenes Entsetzen. Jenseits von eigener
Lust.
Als sie in die weiblichen Sphären wieder eingetaucht - von
Freundinnen begleitet, Blumen pflückt, bemächtigt sich Zeus
in Gesellschaft seines Bruders Hades ihrer ein weiteres Mal. Sie wird
geraubt und in die Unterwelt entführt. Wieder erlebt sie Ohnmacht
und sieht sich als Opfer von Gewalt. Sie wird gewählt, sie kann
nicht wählen. Von ihren Wünschen und ihrer Lust haben wir
bisher nichts gehört und gespürt. In der Unterwelt fastet
sie und verweigert sich. Ihre Mutter Demeter leidet unter dem Verlust
der Tochter. Im Vergleich zu diesem grausigen Ort, an dem sie jetzt
weilt, wo sie keine lebendigen Möglichkeiten hat außer
denen, sich zu verweigern, kommt ihr das Zusammensein mit der
ursprünglich wohl auch einschränkend erlebten Mutter nun
wieder erstrebenswerter vor, können wir annehmen. Sie hat
womöglich auch Schuldgefühle der geliebten Mutter
gegenüber, weil diese leidet. Als die Mutter ihre Freilassung
durchsetzt, fällt sie auf einen Trick von Hades herein und hat
einen Granatapfelkern im Mund. Granatapfel - das ist der Apfel der
Partnerwahl, er ist Symbol für Liebe und Erotik. Sie hat demnach
begonnen, Liebe für Hades zu empfinden. So wie sie die Mutter
geliebt hat und sich von ihr eingesperrt fühlte - beides, so
liebt sie nun auch Hades, weil oder obwohl er sie einsperrt. Nun
beginnt das Pendeln zwischen der Mutter und Hades: Sie kommt wieder zu
ihrer Mutter und setzt die Beziehung zu ihr fort. Sie bleibt solange,
bis sie wieder zurück in die Unterwelt muß. Sie geht
zurück, lebt mit Hades, geht wieder zurück zur Mutter - hin
und her. Sie pendelt. Ihre Wünsche nach Freiheit und Autonomie
können nicht gelebt werden. Sie kann nur in dieser Pendelbewegung
ein wenig Autonomie erleben, in dem Weggehen vom einen, wobei sie der
andere Teil gleich wieder vereinnahmen wird.
(Als Ergänzung zur Geschichte der Persephone fand ich noch
folgende Anekdote, in der sich Persephone plötzlich gänzlich
anders darstellt. Aphrodite gab Adonis, das Kind eines Inzeßtes,
den sie gefördert hatte, zu Persephone in Pflege. Diese zog ihn
auf, da sie keine eigenen Kinder hatte. Als er als wunderschöner
Jüngling herangewachsen war, begann sie ein Liebesverhältnis
mit ihm. Auch er mußte wie sie ein Drittel des Jahres in der
Unterwelt verbringen und zwei Drittel auf der Erde. Dort war er der
Geliebte der Venus. Bei einer Eberjagd wurde er durch einen abirrenden
Pfeil getötet, wobei eine der Göttinnen aus Eifersucht ihre
Hand im Spiel gehabt haben soll, und starb - Persephone soll ihn
danach gänzlich für sich gehabt und die Rivalität mit
Aphrodite quasi für sich entschieden haben.
In dieser Geschichte, so ist unschwer zu erkennen, erleben wir
Persephone plötzlich autonomer, handlungsfähig und
aktiv. Der Lustaspekt der Baubo steht ihr nun zur Verfügung und
sie erscheint uns plötzlich lebendig geworden.)
So wie sich der psychosexuelle Konflikt des Knaben (mit Vorbehalt und
unter Auslassung aller Nicht-Übereinstimmungen und
Unschärfen) im Ödipus-Mythos abbildet (sehr verkürzt
auf: er tötet den Vater und heiratet die Mutter;
schließlich leidet er an furchtbaren Schuldgefühlen) so
bildet sich - so meine These - der psychosexuelle Konflikt des
Mädchens unter gesellschaftlichen patriarchalen Bedingungen ab im
Persephone-Mythos: es ist von der Mutter geschützt und
gleichzeitig behindert, d.h. eingesperrt -, wird Sexualpartnerin des
Vaters, wobei auch erlittene Gewalt eine wichtige Rolle spielt. Sie
pendelt zwischen Mutter und Vater. Der Ehemann ersetzt den Vater, sie
pendelt zwischen Mutter und Ehemann.
Baubo als Symbol für eigene autonom gelebte Sexualität und
generative Fruchtbarkeit kommt im Leben von Persephone lange nicht
vor. Sie wurde eliminiert und das bewirkt den Umstand, daß
Persephone im Gegensatz zu ihrer Mutter Demeter so hilflos und
abhängig werden konnte. In der Anekdote mit Adonis befreit sie
sich von patriarchalen Zwängen, lebt eigene Sexualität und
gewinnt auf diesem Gebiet ihre Autonomie. Demter selber erleben wir
von vornherein autonomer. Über Jahrhunderte hinweg wurde sie aber
- vermutlich mit stetig zunehmender Tendenz als die Here und Reine
verehrt - dargestellt mit dem kleinen Kind auf dem Schoß. In
gleicher Weise wurde Isis in Ägypten dargestellt und unschwer
erkennen wir in dieser Darstellung auch das Bild der christlichen
Muttergottes. Ich meine, daß die patriarchalen
gesellschaftlichen Strömungen dazu geführt haben, daß
aus der autonomen machtvollen Demeter ihr Baubo-Anteil, welcher Lust
und Stolz auf generative Potenz anzeigt, abgespalten wurde und ins
Obszöne abrutschen mußte. Demeter erschien nun edel und
rein, ihr Baubo-Anteil wurde verurteilt und verteufelt. In Konsequenz
ist die Tochter dieser heren und reinen Demeter die unglückliche,
in der Pendelbeziehung zwischen Mann und Mutter gefangene
Persephone. Sie kann erlöst werden, wenn sie die Baubo, die ihrer
Mutter im Laufe der Zeit abhandengekommen ist, re-integriert.
Die Psychodynamik des Schicksals der Persephone
a) Nach der klassischen Freud'schen Theorie:
Nach der klassischen Weiblichkeits-Theorie Freuds würde sich
Persephones Schicksal so lesen:
Bei der Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes zur Zeit der
erwachenden sexuellen Neugier erlebte sich Persephone wie jedes
Mädchen plötzlich minderwertiger und kastriert. Dies war
verbunden mit Ärger und Enttäuschung an der Mutter Demeter,
von der sie annahm, daß diese ihr den Penis vorenthalten
habe. Diese neue Einstellung, nämlich der Penisneid, löste
die zärtliche präödipale Beziehung zur Mutter auf und
verstärkte die Hinwendung zum Vater, vom dem sie zu erhalten
hoffte, was ihr die Mutter nicht gegeben hatte, nämlich den
Penis, bzw. einen Ersatz dafür, z.B. in Form eines Kindes vom
Vater. So schrieb Freud 1933a: "Die Abwendung von der Mutter erfolgt
wohl nicht mit einem Schlag, denn das Mädchen hält seine
Kastration zuerst für ein individuelles Unglück, erst
allmählich dehnt sie dieselbe auf andere weibliche Wesen, endlich
auch auf die Mutter aus. Ihre Liebe hatte der phallischen Mutter
gegolten; mit der Entdeckung, daß die Mutter kastriert ist, wird
es möglich, sie als Liebesobjekt fallenzulassen, so daß die
lange angesammelten Motive zur Feindseligkeit die Oberhand gewinnen."
(S. 135/136). So verführte Persephone in der Phantasie mit
solcherlei Wünschen ihren Vater Zeus dazu, Sexualkontakt mit ihr
zu haben und empfing auch - in Phantasie - ein Kind von ihm. Sie fuhr
in ihren Ödipus-Komplex ein wie in einen Hafen. Ihr
Ödipuskomplex gipfelte und erfüllte sich in dem Wunsch,
anstelle des schmerzlich vermißten Penis vom Vater ein Kind zu
bekommen. Aus dem Erleben des Kastriertseins, solange sie noch kein
Kind vom Vater hat, lassen sich bei Persephone eine Reihe von
Charaktereinstellungen ableiten wie ein schwächeres
Über-Ich, ein stärkeres Ausgeprägtsein des
Narzißmus, Passivität und Masochismus. Freud hätte die
Ambivalenz und die Rückkehr zur Mutter - dargestellt durch die im
Mythos beschriebenen Pendelbewegung zwischen Hades und Demeter - nach
ursprünglichem Wechsel des Liebesobjektes durch das Zusammenspiel
der heterosexuellen und homosexuellen Komponenten erklärt. Im
negativen Ödipuskomplex hegte Persephone die zärtliche
gleichgeschlechtliche Beziehung zur Mutter und die entsprechend
eifersüchtig-feindselige gegen den Vater. So kam es zur
ambivalenten Beziehung sowohl zur Mutter als auch zum Vater und zu der
im Mythos beschriebenen Pendelbewegung zwischen dem Ehemann als
Nachfolger des Vaters und der Mutter. Da die Kastrationsdrohung bei
Persephone wie bei jedem Mädchen nicht wirksam werden konnte,
weil ein Mädchen sich ja als bereits kastriert erlebe, war ein
Untergang des Ödipuskomplexes durch Aufgabe des Wunsches nach
einem Penis oder nach einem Kind vom Vater eigentlich nicht
möglich, zumindest liess sich der Augenblick des Untergangs des
Ödipuskomplexes nicht eindeutig bestimmen.
b) Nach den Auffassungen der modernen Psychoanalyse
Freuds Thesen über die weibliche Entwicklung wurde sehr bald
schon widersprochen. Nach der Auffassung der modernen Psychoanalyse
würde sich Persephones Schicksal heute so lesen:
Persephones weibliche Identitätsentwicklung setzte wie bei allen
anderen Mädchen mit der Geburt ein und stellte - im Gegensatz zur
alten Auffassung - keine sekundäre Kompensation eines
(Penis-)Mangelzustandes dar. Die Embryologie stellte in der
Zwischenzeit fest, daß alle Föten zunächst
phänotypisch weiblich sind und daß männliche
Föten sich erst durch das Hinzukommen von androgenen Hormonen
entwickeln. Die moderne Säuglingsforschung entdeckte, daß
Kinder bereits im ersten Lebensjahr multiple Beziehungen zu
verschiedenen Personen haben und man schloß daraus, daß
Identifikationsprozesse mit den ersten Objekten von Geburt an für
die Geschlechtsidentität von entscheidender Bedeutung sind. Hand
in Hand mit der fortschreitenden kognitiven Entwicklung werden die
Identifikationsprozesse zunehmend selektiver. Nach der Auffassung von
Irene Fast haben ursprünglich alle Kinder undifferenzierte
Vollkommenheitsvorstellungen. Mit der Wahrnehmung des
Geschlechtsunterschiedes erleben sowohl Mädchen als auch Knabe es
als gewaltige Kränkung ihres Narzißmus, sich auf nur eine
Geschlechtsrolle beschränken zu müssen - also nur Mann oder
nur Frau werden zu dürfen. Beide erleben dies als Verlust,
Kastration oder Beraubung ihrer phantasierten Omnipotenz. Die
Akzeptanz dieser Beschränktheit auf eines von zwei möglichen
Geschlechtern ist ein wichtiger Schritt zur Reifung.
Wenn die Beziehung des Mädchens zur Mutter ausreichend gut ist,
kommt es nicht zu einer möglichen Aufspaltung in ein gutes und
ein schlechtes Objekt, wie es bei schweren Störungen der
Entwicklung der Fall sein kann. (Ein "böses" Mutter-Introjekt
würde Aufbau und das Funktionieren eines mütterlichen
Ich-Ideals verhindern, weil eine Idealisierung der Mutter und eine
selektive Identifikation verhindert worden wäre.)
Während der Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes bemerkt das
Mädchen, daß es eine kleine Frau ist wie die Mutter und
daß es mit seinen Reizen auf den Vater eine gewisse Wirkung
ausübt. Es ist daher kein Objektwechsel des Mädchens
vonnöten, um den Vater im Blickfeld erscheinen zu lassen. Aus der
sexuellen Identifikation mit der Mutter heraus nimmt das Mädchen
nun den Vater als Geschlechtswesen und als heterosexuelles
Liebesobjekt wahr. U.U. genießt es seine Macht über die
Reaktionen des Vaters auf seine
Verführungsversuche. Mißbraucht der Vater das Begehren
seiner kleinen Tochter, bringt dies die Tochter in eine fatale
Konfliktsituation und führt zu massiven Fehlentwicklungen.
Die Mutter bleibt auch weiterhin für die
Bedürfnisbefriedigung und narzißtische Selbstachtung des
Mädchens von großer Wichtigkeit (Slap, 1978).
Die sich wiederholende Rückkehr zur Mutter, wie sie uns im
Persephone-Mythos eindringlich vor Augen geführt wird, entspricht
einerseits der Konzeptualisierung der Mutter-Tochter-Beziehung bei
Nancy Chodorow ebenso wie das Konzept eines weiblichen
"Selbst-in-Beziehung" (Jordan u. Surrey,1986). Dort wird die
Mutter-Tochter-Beziehung in ähnlicher Weise als Ursprungsort
einer spezifisch weiblichen Fähigkeit zur Bezogenheit
beschrieben. Die Idee der Verbindung zur eigenen Mutter als einem
möglichen Heimatort, von dem aus der Aufbruch möglich ist,
der aber auch die Rückkehr erlaubt, ist hier zu finden.
Auch Chasseguet-Smirgel beschreibt die Pendelbewegung, die wir bei
Persephone beobachten. "Eltern sagen gewöhnlich, daß ihr
Sohn sie eines Tages verlassen, ihre Tochter aber im Grunde immer bei
ihnen bleiben wird"(S. 186). Aus der Sicht von Chasseguet-Smirgel
heißt dies andererseits aber, daß das Mädchen seit
dem "Objektwechsel" versucht, der Mutter zu entkommen, daß es
mit seinem Bedürfnis, den Vater zu retten, auf Schwierigkeiten
stößt und sich schließlich als sein Partialobjekt
anbietet, als solches vor der Mutter geschützt, vom Vater geliebt
und definitiv abhängig wird. Dabei spielt die ursprüngliche
Abhängigkeit von der Mutter eine große Rolle, die den
mächtigen Wunsch, sich von der Mutter zu befreien,
hervorbringt. Persephone würde nach Chasseguet-Smirgels
Auffassung die Zwangslage zahlreicher Frauen symbolisieren, sich
zwischen zwei Abhängigkeitspositionen zu entscheiden
(S. 187).
Der Persephone-Mythos, könnte Rohde-Dachser sagen, beschreibt
damit ziemlich genau das Schicksal der Nicht-Individuation, die der
Anpassung der Frau an die ihr zu jeder Zeit zugedachten
Geschlechtsrolle diente.
Die Beziehung des Mädchens zum Vater sind nach Chasseguet-Smirgel
(S. 185) unmöglich sämtlich auf die frühen Konflikte
mit der Mutter und ihrer Brust (M. Klein)
zurückzuführen. Das würde nämlich bedeuten, die
radikale Veränderung, die durch das Hinzukommen eines weiteren
Objektes geschieht, außer Acht zu lassen. Auch Rohde-Dachser
warnt vor dem augenblicklichen Trend innerhalb der Psychoanalyse,
Bilder von Aggression und Gewalt systematisch von der Vater- auf die
Mutterimago zu verlagern.
c) meine eigene Auffassung
Vom letzteren ausgehend folgere ich, daß Persephones Beziehung
zum Vater, stellvertretend für jedes Mädchen in unserer
Kultur, in mehreren Aspekten beispielhaft begriffen werden kann.
Ich kann ausgehend von eigener klinischer Erfahrung und auch nach der
Betrachtung des Persephone-Mythos mindestens drei Imagines des Vaters
erkennen, die das psychische Schicksal der Frau beeinflussen:
Da gibt es die Imago
des idealisierten Vater, die
des schwachen und die
des bedrohlichen Vaters.
1) Vom idealisierten Vater möchte Persephone den Phallus, ein
Symbol für die Erlaubnis, ein autonomer Mensch zu werden und ein
Kind wünscht sie sich auch von ihm (Persephone bekam ja
tatsächlich ein Kind von Zeus). Dieser Wunsch nach dem Phallus
des Vaters ist ein Hinweis auf das Mißlingen der positiven
Besetzung der eigenen Genitalien. Persephone hat sich in ihrem
ödipalen Konflikt verfangen.
2) Sie hat Schuldgefühle dem vermeintlich schwachen Vater
gegenüber, weil sie ihn nicht vor der Kastration durch die
zornige Mutter gerettet hat14 (s.o. Beschreibung von
Psellus: Zeus habe sich selbst kastriert - der zornigen Schwester
zuliebe).
3) Und sie muß sich mit dem aggressiven, ihr schlimmste
Erlebnisse der Ohnmacht verursachenden, starken, Gewalt
ausübenden Vater auseinandersetzen, d.h. mit der Imago des
bösen, bedrohlichen Vaters. Er hat den sadistischen Phallus, er
bedroht das Mädchen in seiner Integrität und lässt
Autonomie nicht zu. Er macht Angst.
Die Beziehung zum Vater in seinem schwachen, von der Mutter des
Phallus beraubten Vaters führt beim Mädchen zu
Schuldgefühl, weil es meint, es hätte ihn erretten
müssen. Aber diese Konstellation führt das Mädchen eher
noch zur Autonomieentwicklung, meine ich, weil er Anreiz gibt,
daß sie aktiv wird und Kräfte und Fähigkeiten
entwickelt, um den schwachen Vater zu retten.
Also: Die Beziehung des Mädchens zum Vater ist vielgesichtig. Da
gibt es erstens die Idealisierung des Vaters, die aus der
enttäuschten Abwendung von der Mutter gespeist wird und von der
Hoffnung, bei ihm werde alles besser werden. Dann erfolgt die
unvermeidliche Enttäuschung. Darauf entsteht die doppelgesichtige
Beziehung zum Aspekt des starken, bedrohlichen Vaters und andererseits
die Beziehung zum Aspekt des schwachen, von der Mutter kastrierten
Vaters.
Soweit meine Interpretation der Psychodynamik des Entwicklung des
Mädchens unter patriarchalischen gesellschaftlichen Bedingungen,
wie sie sich im Demeter-Persephone-Mythos abbildet.
Wie sieht die Lösung des ödipalen Konfliktes aus?
Der Knabe überwindet den Ödipus-Komplex, indem er - sehr
vereinfacht dargestellt - die Position des Kleinen dem Vater
gegenüber und des Kleinen, desjenigen mit dem kleinen Penis der
erwachsenen Mutter gegenüber aufgibt, sich mit dem Vater
identifiziert, Verzicht leistet und - schon aus Autonomiegründen
- und -erst in Gedanken und später in Realität -- eine Frau
nimmt, wie es der Vater getan hat, (unter patriarchalen
gesellschaftlichen Bedingungen) die jünger ist als er, über
geringere Bildung verfügt, die von seinem sozialen Stand und von
seinem Einkommen abhängig ist. Dann hat er die Position des
Großen der Kleinen gegenüber und fühlt sich in der
Rolle des Mächtigeren. Er nimmt auch in positivem Sinne
Verantwortung und wird erwachsen.
Beim Mädchen läuft dieser Vorgang nicht dadurch ab,
daß es sich von Vater und Mutter abwendet und sich einem Manne
zuwendet. Es ist letztlich lange Jahre lang die Kleine bei der Mutter,
die Kleine beim Vater und die Kleine bei ihrem Mann. Vor allem, wenn
der Mann älter ist, ihr sozial überlegen (das entspricht ja
Partnerschaftsmustern, die Männer und Frauen heute noch im Kopf
haben), der einen besseren sozialen Stand hat als sie und von dessen
Geld sie leben kann. Die Frau bekommt die Position der
Mächtigeren erst ihren Kindern gegenüber. Dann nimmt sie
Verantwortung und wird teilweise erwachsen. Deshalb verläßt
sie die ödipale Position im ersten Schritt - auch gedanklich -
dann, wenn sie sich als Mutter von Kindern erlebt (und wenn sie mit
Puppen spielt) und wenn sie mit ihrer Sexualität unbefangen
umgeht. Auf diesen Punkt weist Baubo die Demeter hin: schau her, du
kannst Kinder bekommen und wieder Kinder bekommen und hier ist auch
der Ort deiner Lust.
Wenn das Mädchen die verwirrenden doppelgesichtigen Bilder von
Mutter und Vater weitgehend hinter sich gelassen hat, kann sie aus dem
ödipalen Hafen auch wieder herausfahren.
Über die Ablösung von der Mutter und den schwierigen Prozess
der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten der
Mutter-Tochter-Beziehung möchte ich an dieser Stelle keine
weiteren Ausführungen machen. Das Resultat dieser
Auseinandersetzung wird aber letztlich, wenn alles gut gelaufen ist,
eine Versöhnung und Identifizierung mit der Mutter bedeuten. Das
heißt, daß sich die junge Frau in Krisenzeiten auf die
Stützung durch die Mutter und durch Freundinnen, die
tiefenpsychologisch gesehen in der Nachfolge der Mutter stehen
können, rückbesinnen kann (und sich vice versa auch im
umgekehrten Sinne als Stütze zur Verfügung stellen kann).
Was aber die Auseinandersetzung mit dem Vater angeht, bedeutet dies
nach meiner klinischen Erfahrung, daß das Mädchen nach dem
Abbau der Idealisierung des Vaters als nächstes die Angst vor
ihrer Imago des bösen, starken, gewalttätigen, phallischen
Vaters überwinden muß. Masochistische Unterwerfung
führt nämlich meiner Meinung nach nicht zur Lösung des
ödipalen Konfliktes. Bei der Überwindung der Angst hilft ihr
das Bewußtsein, daß sie der phallischen Macht des Vaters
ihre weibliche "Baubo"-Macht entgegensetzen kann. Daß sie ihr
Schloß besitzt und er seinen Schlüssel. Daß sie
seiner Gewaltbereitschaft ihre Handlungsfähigkeit entgegensetzen
kann.
An diesem Punkt verweise ich auf die Funktion, die das
Baubo-Selbstbewußtsein der Frau (das Selbstbewußtsein, das
sich gründet auf potentiellen Mutterschaften und der eigenen
Lust) im therapeutischen Prozess haben kann. Dieses
Baubo-Selbstbewußtsein erhält das Mädchen durch
Identifikation mit der Mutter, wenn diese die Baubo-Aspekte in ihrem
Leben realisieren konnte (was in der Generation unserer Mütter in
den seltensten Fällen der Fall gewesen sein dürfte). Kann
sie die Baubo-Aspekte nicht von der Mutter erhalten, steht sie vor der
Lebensaufgabe, durch Arbeit an sich selbst sich diese neuen
Lebensbereiche zu eröffnen, um dies dann im Hinblick auf die
folgende Generation ihren Töchtern zur Verfügung stellen zu
können.
Das Mädchen muß dann im nächsten Schritt der
Auseinandersetzung mit der Imago des bösen Vaters auch bereit
sein, ihre Rachebedürfnisse dem Vater gegenüber aufzugeben.
Weiterhin muß sie die Schuldgefühle hinter sich gelassen
haben, die aus der Unrealisierbarkeit des Wunsches kommen, den Vater
in seinen schwachen, kastrierten Aspekten vor der Mutter zu
retten. Sie muß den Wunsch, ihn zu retten, aufgegeben haben.
Hier schließlich findet der Verzicht statt, der zur
Überwindung des ödipalen Konfliktes und zur Bildung eines
weiteren Über-Ich-Anteils erforderlich ist: Verzicht auf Rache am
Vater und Verzicht auf Rettung des Vaters. Wenn das passiert ist, ist
sie wieder aus dem Hafen ihres ödipalen Konfliktes
herausgefahren.
Noch einmal zu Baubos Botschaft:
Baubo weist Demeter auf folgendes hin: Hier verläßt du
deine kindlichen Positionen zwischen Mutter und Vater und lebst dein
eigenes Leben in Bezug auf andere. Du bist potent und
schöpferisch. Du bist diejenige, die die Kinder gebiert. Sie
verweist auch auf die Lust: du hast deine eigene Lust, da bist du
selbst autonom. Du mußt nicht - immer - Objekt für die Lust
eines anderen sein, vielleicht häufig ohne selbst Lust zu
empfinden. Du hast ein Recht auf lustvolle Sexualkontakte und auch die
Möglichkeit dazu. Und notfalls kannst du dir die Lust auch
alleine verschaffen. Ich behaupte, daß für die Frau
über die Schienen: eigene Lust und Mutterschaft in Zusammenspiel
mit dem Verzicht auf Rache am Vater und Verzicht auf Rettung des
Vaters das Ziel des Unterganges des Ödipuskomplexes zu erreichen
ist. Und daß Baubo als Aspekt der Demeter dieses symbolisiert.
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Voss, Jutta: Das Schwarzmond-Tabu. Kreuz, Stuttgart, 1993
Fußnoten
1 Vortrag, gehalten im Rahmen einer Arbeitsgruppe auf der
7. Arbeitstagung der Münchner Arbeitsgemeinschaft für
Psychoanalyse in Kloster Seeon, Nov. 1995
2 Die Altphilologin S. Tochtermann hat für mich die
Textstelle gefunden und übersetzt.
3 Einige Fragmente der sogenannten orphischen Dichtung, die
vor allem durch christliche und heidnische Philosophen des
2. Jh. n. Chr. überliefert sind, handeln vom Raub der
Persephone/Kore. So erwähnt ihn auch Clemens von Alexandrien
(2.Jh. nach Chr.), Protreptikos II, 20,1-21,1:"Baubo bewirtete Deo
(sc. Demeter) und reichte ihr einen Mischtrank (Kykeon) Als die es
aber ablehnte, ihn anzunehmen und nicht trinken wollte - sie war
nämlich sehr traurig - wurde Baubo sehr betrübt und hob, da
sie offenbar verschmäht (verachtet) wurde, ihr Gewand und zeigte
der Göttin ihre Scham. Deo aber freute sich über den Anblick
und nahm endlich den Trank und freute sich an dem Anblick. Das sind
die geheimen Mysterien der Athener.
Auch Orpheus schrieb diese Dinge auf. Ich werde Dir auch die Worte des
Orpheus nennen, damit Du den Beweis für die Schamlosigkeit der
Mysterien hast. (Hier zeigt sich der oströmische Kirchenvater mit
moralisierender Berichterstattung).
So sprach sie, hob das Gewand und zeigte die Teile ihres Körpers,
die zu zeigen sich nicht ziemt: Es war aber der Sohn Iakchos da und
griff mit der Hand lachend unter Baubos Schoß. Da lächelte
die Göttin nun, lächelte von Herzen und nahm den
schillernden Becher, in dem sich der Mischtrank befand."
4 Goethe, Walpurgisnacht: Die alte Baubo kommt allein, sie
reitet auf einem Mutterschwein
5 Clemens Alexandrinus, Protreptikos, II, 15.1 und 16.2
Über die Mysterien der Demeter: Sind die Mysterien der Deo eine
andere Geschichte als die sexuelle Vereinigung von Zeus mit seiner
Mutter Demeter, die ob dieser Tatsache den Namen Brimo, die
Erzürnte, bekam? Zeus habe darauf einem Widder beide Testikel
abgerissen, habe diese genommen und der Deo in den Schoß
geworfen, indem er trügerisch vorgab, mit diesem Schmerz für
seine schamlose Gewalt zu büßen, indem er sich selbst
beschädigt habe. Er triumphiert: "Ich habe vom Tambour gegessen,
habe aus der Kymbale getrunken, habe die heiligen Gefäße
getragen, ich bin eingedrungen hinter den Vorhang".
Danach gebiert Demeter Persephone, Kore (=Persephone) wächst auf,
aber unser Zeus, der sie gezeugt hat, vereinigt sich diesmal mit ihr,
Persephone, seiner eigenen Tochter. Er nimmt dabei die Gestalt eines
Drachen an (der inzeßtuöse Vater, ein Drache). Er wird auch
genannt: o dia kolpous theos "le dieu qui passe par le
sein". Persephone gebiert einen Stier.
6 Harrison, Jane, Ellen: Prolegomena to the study of Greek
Religion, 1903, reprint London, Merlin-Press, 1980, S. 569
7 nach Clemens Alexandrinus, Protreptikos, 2.15.2 etc.
8 Neumann, E.: Die große Mutter, S. 299
9 Neumann interpretiert hier: "Die Todeshochzeit als
Mysterium in ihrem Zusammenhang mit der Heuresis, der Wiederfindung
der Kore durch Demeter oder besser ihre Wiederverbindung spricht den
Wandlungscharakter des Weiblichen als Zentrum der Erfahrung aus, die
das Weibliche macht, wenn es aus dem Mädchen zum Weibe
wird. Geraubtwerden, Anheimfallen, Untergang als Mädchen, Sterben
und Geopfertwerden steht im Mittelpunkt dieser Ereignisse, sei es
daß es am unpersönlichen Gott oder schon personalisiert
darin erfahren wird, daß es von dem in jedem Sinne "fremden"
Männlichen genommen wird. Zwar scheint dieses Geschehen
zunächst als ein Anheimfallen an das Männliche, aber diese
Selbstaufgabe ist zugleich im tiefsten Sinne ein Anheimfallen an das
Weibliche, die Große Göttin als weibliches Selbst. Erst
wenn dies durchschaut oder im Mysterium gefühlsmäßig
erfahren und erduldet wird, ist die Heuresis, die Wiedervereinigung
der jungen zur Frau gewordenen Kore mit Demeter, der Großen
Mutter, geglückt. ERst dann hat sich das Weibliche zentral
gewandelt, nicht so sehr dadurch, daß es Weib und empfangend
Mutter geworden ist und damit die irdische Fruchtbarkeit und den
Bestand des Lebens garantiert, sondern dadurch, daß es sich auf
höherer Stufe mit der weiblichen Geistseite, der Sophiaseite der
Großen Mutter, vereinigt hat und so zur Mondgöttin geworden
ist."
"Das Entzücken, in der Geburt ein Lebendiges und im Sohn ein
ergänzend Anderes gebären zu können, überhöht
sich durch das größere Entzücken, in der Wandlung der
eigenen Natur Geist, Licht und Unsterblichkeit im göttlichen
Sohne erstehen zu lassen. Denn auch die Gebärende ist im
Mysteriengeschehen eine durch sich selbst Erneuerte. Wohl ist in dem
Ruf der Eleusinien. "Die hehre Göttin hat ein heiliges Kind
geboren, die Brimo den Brimos", der Name einer alten und eher
"primitiven" Göttin enthalten, aber das Mysteriengeschehen lehrt,
daß die auferstehende Kore nicht mehr eine Kore ist, die vom
Hades entführt werden kann. Die späte psychologische
Erkenntnis, daß das matriarchale Bewußtsein der echte
Mutterboden der geistigen Wachstumsprozesse ist, wird im Mysterium zum
"Wissen" des Weiblichen, das nicht zufälliges dieses
Männliche, den Brimos, nur als Variante ihres eigenen Wesens, der
Brimo erfährt." Neumann erklärt, daß dieser Sohn
für das Weibliche seine eigene unbewußte Geistseite ist,
und daß es sich von ihm befruchten lässt, um ihn in sich
aufzunehmen und ihn in neuer Geburt wieder von sich fortzugeben
10 s. die Ausführungen meines Urgroßvaters Otto Keller
("Horaz-Keller"), Die antike Tierwelt, S. 400
11 Zitiert nach Winfried Milius Lubell, Baubo
und Dürr, a.a.O., S. 98
12 Dürr, a.a.O. S. 91
13 "Persephone, die in die Unterwelt entführte
Tochter der Demeter, Inbegriff der in der Sommerhitze verdorrenden
Vegetation, scheint der trauernden Mutter für immer verloren, bis
Iambe der Göttin die Vulva zeigt, durch die das Lebens immer
wieder neu geboren wird. Demeter erkennt, daß der Rückzug
der natura naturata in das Innere der Erde nur temporär ist,
ähnlich wie der Teilnehmer an den Eleusinischen Mysterien, vor
dem maskierte Frauen auf der Brücke über den Bach Kephissos
das Gewand hochgezogen haben und dem das in einer Kisti verborgene
Bild einer Vulva gezeigt worden ist, auf diese Weise daran erinnert
wird, daß auf den Tod ein neues Leben folgt. Wenn diese
Interpretation zutrifft, dann ist -zumindest im klassischen
Griechenland - im vorliegenden Falle die Entblößung der
Vulva kein apotropäischer Akt (der Abschreckung dienend wie die
Vulven auf den Schilden der Krieger), sondern das tröstende
Vorzeigen des Symbols der "Ewigen Wiederkehr des Gleichen", und das
Lachen ist der Ausdruck der Erleichterung darüber, daß
nicht alles zu seinem Ende gekommen ist."
14 Chasseguet-Smirgel, a.a.O., S. 152
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