frauenweb.at [HOME]
 
Internet von Frauen für Frauen. [ Diskussion ] [ Web ] [ Publikationen ] [ Geschichte ] [ Net ]
Login

publikation auf frauenweb.at

Schein und Sein - Technik als Spielgelbild unserer Gesellschaft

Erschienen in: Koryphae, Medium für feministische Naturwissenschaft und Technik; Nr. 24, Oldenburg 1998; S 39ff

Die Welt ist komisch. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Der schöne rote Apfel ist innen ganz faulig, das fröhliche Familienleben unseres Bundespräsidenten endete mit einer unfröhlichen Trennung, die meisten Artikel in der Kronen-Zeitung (=österreichische Bild-Zeitung) sind gut erfunden und Technik ist nicht neutral. Seit mehr als 2 Jahren befasse ich mich mit der Theorie der sozialen Konstruktion von Technik. Dabei habe ich immer wieder neue Ansichten und Einsichten kennengelernt und meine Meinung zu diesem Thema mindestens 100mal ge(ver)ändert. Macht nix, welche ihre Meinung nie ändert sollte mal ihren Puls fühlen, vielleicht ist sie schon tot. Trotzdem halte ich es für mich nun an der Zeit, mein Wissen einmal zusammenzufassen und mir so einen sicheren Standpunkt zu erarbeiten, von dem aus ich weiterdenken und -forschen kann.
Bevor ich das beginne möchte ich noch anmerken, daß ich nicht glaube, derart komplexe Phänomene wie die moderne Technik mit einer einzigen, durchgängigen und konsistenten Theorie sinnvoll beschreiben zu können. Dazu ist das Thema zu groß und vielgestaltig. Ich stelle mir das etwa wie einen Brocken Felsgestein vor, der von verschiedenen Seiten unterschiedliche Oberflächengestalt hat, vielleicht auch aus unterschiedlichen Gesteinsarten zusammengesetzt ist usw. Das heißt, daß ein Blickwinkel nicht genug sein kann, um den Felsstein zu beschreiben. Ich glaube jedoch auch nicht, daß deshalb gar nichts Verbindliches über diesen Stein gesagt werden kann. Der postmoderne Versuch, jeden theoretischen Ansatz zur Beliebigkeit, zum höchstens subjektiven Standpunkt, verkommen zu lassen, scheint mir genauso gefährlich wie das Beharren auf einer einzigen und richtigen Wahrheit. Meinen Position stellt deshalb soetwas wie einen Mittelweg (oder vielleicht eher eine Gratwanderung) zwischen diesen beiden Extremen dar.

Die Bedeutung des Wortes "Technik"1

Der Begriff "Technik", wie er heute im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet wird, läßt sich ganz gut mit folgender Definition umschreiben:
Technik ist die:

  • Menge der nutzorientierten, künstlichen, gegenständlichen Gebilde (Artefakte oder Sachsysteme);
  • Menge menschlicher Handlungen und Einrichtungen, in denen Sachsysteme entstehen
  • Menge menschlicher Handlungen, in denen Sachsysteme verwendet werden.
Oder in einfacheren Worten: Technik sind Maschinen und Geräte, deren Herstellung und deren Verwendung. Dies war jedoch nicht immer so. Ethymologisch fand der Begriff aus dem Griechischen (techne: sich auf etwas verstehen) in die deutsche Sprache Eingang. Techne bedeutet etwas können, sich auf etwas verstehen. Ursprünglich zählten also Begriffe wie Rhetorik, Poetik oder Arithmetik auch zu den Techniken. RhetorikerIn war demzufolge jemand, der/die die Technik der Rede beherrschte.
Ein echter Bedeutungswandel des Begriffs erfolgte ab dem 18. Jhdt. Technik wird seit damals zunehmend sachbezogener, intensiv wird um eine Objektivierung der Technik gerungen. Aufzeichnungen technischer Verfahren (allen voran die französische Enzyklopädie von Diderot und d´Alembert) werden gemacht, diese in immer mehr Einzelschritte zergliedert und damit für eine Automatisierung erfaßbar. Dadurch verliert das umfassende handwerkliche Können der Einzelnen an Bedeutung, Menschen können durch Maschinen ersetzt werden. Lassen sich Menschen durch Geräte ersetzen, verlieren soziale Innovationen an Bedeutung. Die Technik der Rede, bis zum ausgehenden Mittelalter ein wichtiges Mittel zur Herstellung von gesellschaftlichem Konsens, verliert ihre Rolle.

Mit dem Bedeutungswandel des Begriffes Technik geht auch der Ausschluß von Frauen aus der Technik einher. Dies in zweifacher Weise.
Zum Einen fallen bei der Umdefinition des Wortes Technik alle "typisch weiblichen" Tätigkeiten heraus. "Alltägliche" Arbeiten wie etwa Verarbeitung und Haltbarmachung von Lebensmitteln, Reinigung und Reparatur von Textilien oder Handarbeiten sind nun keine Techniken mehr, ebensowenig die Erziehung von Kindern oder soziale Kompetenz. Überall dort, mit anderen Worten, wo Frauen kreativ und erfinderisch tätig waren und sind, sprechen wir heute nicht mehr von Technik. Interessanterweise geht diese Zuschreibung heute so weit, daß selbst die regelmäßige Nutzung technischer Geräte durch Frauen - wie etwa aller Arten von Haushaltstechnik - diese nicht als technisch kompetent erscheinen läßt. (Selbst wenn Männer mit der gleichen Technik (angeblich) - Stichwort Wäsche waschen u.ä.- oft nicht zurecht kommen).
Zum Anderen ergibt sich der aktive Ausschluß von Frauen aus der Technik als Konsequenz der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der männlichen Kontrolle über die "qualifizierten" Bereiche, die im Kapitalismus entstanden sind. Bis in die beginnende Neuzeit waren Wohn-und Arbeitsplätze kaum getrennt, weder bei der Mehrheit der Bevölkerung auf dem Lande noch in den Handwerkerhaushalten der Städte. Damit verlief die Arbeitsteilung nicht zwischen einem Wohnbereich und dem Arbeitsplatz, meist wurden alle anfallenden Arbeiten von allen Mitgliedern der Familie gleichermaßen verrichtet. Immer wieder kam es auch vor, daß etwa Witwen einen Handwerksbetrieb allein weiterführten (wenn auch unter erheblichen Schwierigkeiten, also etwa unter dem Namen eines männlichen Verwandten). Mit der Industrialisierung entstand eine Geschlechtertrennung innerhalb der ArbeiterInnenklasse, die den Grundstein männlicher Vorherrschaft in der Technik gelegt hat. Männliche Arbeiter (und ihre Gewerkschaften) haben sich gegen den Eintritt von Frauen in ihre Berufsfelder aktiv gewehrt. Frauen wurden in den Haushalt verbannt, wo sie für ihre Lieben eine angenehme, liebliche Atmosphäre schaffen sollten. Mußten sie jedoch lohnarbeiten, so wurden Frauen in unqualifizierte Berufe gedrängt und solche Berufe werden umgekehrt bis heute als unqualifizierte angesehen. So entstand eine maskuline Technikkultur, die kulturelle Verbindung zwischen Männlichkeit und Technik ist historisch bestimmt. Indem Männer über die Kontrolle der wichtigsten Technologien verfügen, bleiben Frauen die praktischen Erfahrungen versagt, von denen Erfindungsreichtum abhängt. Eine neue Technik entsteht nicht aus einer plötzlichen Eingebung, sondern aus Elementen vorhandener Technik, d.h. aus dem praktischen Umgang mit Technik in Arbeit oder Freizeit.

So wurde aus der einst umfassenden Bedeutung des Wortes im Sinne von "etwas Können, sich auf etwas verstehen" die stark eingeengte Bedeutung von " Apparate, Maschinen und Fabriken= Mittel zur Problemlösung." Nun sind Erziehungstechnik, Redetechnik, Gebetstechnik eben keine Techniken mehr, Technik ist vielmehr das, was in einer fast reinen Männerwelt an Sachlösungen produziert wird (insbesondere ungeachtet dessen, ob nicht soziale Lösungen einfacher und zielführender wären)
Es erhebt sich die zynische Frage: Warum sollten Frauen technische Kompetenz erstrebenswert finden, solange sie Ausdruck männlicher Geschlechtsidentität ist?

5 Thesen

Einfache Fragen sind oft erstaunlich schwer zu beantworten. Ich kann an dieser Stelle, wie oben angedeutet, nicht eine durchgängige Antwort finden, wohl aber einige Gedankensplitter, die sich irgendwie ergänzen, manchmal überschneiden, an manchen Punkten auch zusammenführen. Zunächst möchte ich die Frage nach dem Warum in Form von 5 Thesen behandeln.

1. Technik verändert soziales Verhalten und soziale Verhältnisse.
Es ist eine einfache Übung, sich vorzustellen in welcher Art z.B. das Vorhandensein chemischer Verhütungsmittel das sexuelle Verhalten von Menschen geändert hat. Die Möglichkeit der privaten Vorsorge durch Versicherungen verändert unsere gelebte Solidarität mit anderen, Kommunikationstechnologien prägen unsere Kontakte mit unserer Umwelt, Fernsehen führte zu einem massiven Umbruch im Freizeit und Kommunikationsverhalten ......Diese Liste läßt sich beliebig fortsetzen, das kann jede für sich selbst durchspielen.
Etwas schwieriger, weil nicht so plakativ und sichtbar, ist die Sache mit den sozialen Verhältnissen: Noch bis vor ca. 100 Jahren finden wir gute Beispiele für diesen Sachverhalt. Der Fabriksbesitzer etwa, der die Gewerkschaftsbildung in seinem Betrieb mit einer neuen Technik verhinderte. Er rationalisierte qualifizierte Arbeitsplätze für gelernte Handwerker weg und ersetzte sie durch Arbeitsplätze für ungelernte Kräfte, oder sparte sie durch Vollautomatisierung ganz ein. Oder die Einführung großer, zentral verwalteter Wasserräder zum Getreidemahlen im ausgehenden Mittelalter. Damit einher ging in einigen Landstrichen die Zerstörung der kleinen Handmühlen der Bauern, dies vor dem Hintergrund, daß der von der Obrigkeit verlangte Zehent besser kontrolliert und einbehalten werden konnte. Heute sind solche Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse oft subtiler und damit unsichtbarer. Die Abhängigkeiten von Liefer- und Reparaturfirmen, die wir beim Kauf vieler technischer Geräte eingehen, wäre ein Beispiel dafür. Auch die Abhängigkeit von ExpertInnen bei Wartung und Betrieb gehört dazu. Anhand von Überwachungstechnologien (aktuell z.B. Lauschen und Rasterfahnden) wird besonders deutlich, was unter sozialen Verhältnissen zu verstehen ist. Wichtig ist mir dabei zu betonen, daß soziale Verhältnisse auch von weit unscheinbareren und harmloser aussehenden Techniken in signifikanter Weise verändert werden, wie etwa mit Erfindung der Schreibmaschine die Hierarchien in den Büros verändert wurden, und die hochqualifizierte Arbeit des Sekretärs zur eher schlechtbezahlten Sekretärinnentätigkeit mutierte.

2. Technik ist sozial konstruiert.
Die für mich interessantesten Folgen daraus sind:
a) Technik bzw. Technologien neigen dazu, bereits vorhandene Macht zu zementieren und zu verstärken. "Macht ist die Chance, den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen." (Max Weber) So wie früher ein großes Gefolge/Heer....Macht verlieh, so verleihen heute technische Möglichkeiten Macht. (Z.B. dem Staat bei der Überwachung von BürgerInnen, Schließung der Grenzen, u.ä. - oder genauso multinationalen Konzernen, wie z.B. im Falle der Patentierung und kommerziellen Verwertung von Genen usw.) Dies gilt im besonderen Maße für zentral kontrollierte und verwaltete Technologien und solche, die großen Mitteleinsatz erfordern.

b) Hinter Techniken, die soziale Beziehungen verändern, stecken meist eben diese sozialen Beziehungen. In die Konstruktion von Technik und Technologien fließen die sozialen Vorstellungen von KonstrukteurInnen und AuftraggeberInnen mit ein. Wer Frauen in einem bestimmten Umfeld nicht haben will, wird Techniken schaffen, die Frauen von eben diesem Umfeld ausschließen.(z.B. im traditionellen Druckergewerbe, wo Maschinen so konstruiert wurden, daß die Arbeit daran gerade von "starken" Männern, nicht aber von durchschnittlich gebauten Frauen durchgeführt werden konnte.) Ein weiteres berühmtes Beispiel aus den USA: die Autobahnzufahrten zum New Yorker Erholungsgebiet Long Island wurden in den 1930ern absichtlich so konstruiert, daß nur PKWs, nicht aber öffentliche Busse verkehren konnten. Der Grund: der Erbauer, ein gewisser Mr. Moses, wollte verhindern, daß Schwarze und Angehörige soziale schwacher Schichten nach Long Island kommen. Kein öffentlicher Verkehr - keine unerwünschten Besucher, war die einfache Logik dahinter. Analog dazu: wer Behinderte nicht wahrnimmt, wird sie auch in seinen Konstruktionen nicht berücksichtigen. Es bedurfte jahrelanger Arbeit von Behindertenverbänden, um diese Gruppe von Menschen überhaupt sichtbar zu machen. Und es bedurfte darüber hinaus gesetzlicher Regelungen, um den öffentlichen Raum ein wenig behindertenfreunlicher werden zu lassen. Die gewählten Beispiele sollen verdeutlichen, daß das Ausschließen von bestimmten Gruppen absichtlich als Machtmittel eingesetzt werden kann, aber ebenso unabsichtlich passiert.

3. Große Technologien für freibleibende Zwecke lassen ihre Verwendung offen.
Ein Transfer von z.B. militärischen Entwicklungen in die zivile Welt oder von hier entwickelten Techniken oder Technologien in sogenannte Entwicklungsländer kann jederzeit stattfinden. So kann der PC zur Verarbeitung wissenschaftlicher Daten ebenso genutzt werden wie zur Rasterfahndung etc. Die wissenschaftlichen Daten können beispielsweise ebenso positiven medizinischen Zwecken dienen wie für Eugenik- oder Euthanasieprogramme. Technik schafft geballte Kräfte, manipulierbare Verfahrensweisen, die für viele Zwecke verwendbar sind. Sie schafft gleichsam ein Können überhaupt, so daß sich heute die Frage stellt: was kann ich damit alles machen, bzw. was kann ich nun alles wollen? Potenzen bereitstellen für freibleibende Zwecke wird immer mehr zur zentralen Intention der Technik. Wurde früher ein Problem aufgegriffen und dazu eine technische Lösung (Maschine, Werkzeug etc. ) gesucht, so entwickelt sich Technik heute anders. Unter ungeheurem Geld- und Mitteleinsatz werden riesige Technologien für viele Zwecke geschaffen. Woher eine Technologie kommt, oder was die ursprüngliche Intention war, ist zweitrangig.

4. Technik ist analog zur Gesetzgebung zu sehen.
Techniken legen Muster für soziale Ordnung fest, die oft Generationen überdauern. Daher sollte die gleiche Aufmerksamkeit, die der Gesetzgebung gewidmet wird, auch der Einführung nicht signifikant neu aussehender Möglichkeiten durch neue Maschinen und Geräte wie Sensoren, Lasern usw. gewidmet werden. Die anstehenden Probleme, die Menschen in der Gesellschaft trennen oder vereinen sind nicht nur in Institutionen oder politischer Praxis festgeschrieben, sondern auch, und weniger offensichtlich, in greifbaren Anordnungen aus Stahl und Beton, Drähten und Transistoren, Schrauben und Muttern. Ob absichtlich oder nicht, Gesellschaften suchen sich für ihre Technologien Strukturen aus, die Einfluß darauf haben, wie Leute zur Arbeit gehen, kommunizieren, reisen, konsumieren usw. Während dies in einigen Bereichen - z.B. Städte- und Raumplanung - heute wenigstens diskutiert wird, sind gerade die klassischen Ingenieursbereiche Elektrotechnik und Maschinenbau von solchen Diskussionen weitgehend unberührt geblieben. Im heiklen Bereich der Medizintechnik etwa hinken ethische aber auch medizinische Diskurse der technischen Entwicklung kräftig hinterher.

5. Technik schränkt unsere Freiheit ein.
Angeblich ist Technik nur ein Hilfsmittel, um unser Leben zu erleichtern und uns damit mehr Freizeit und auch Freiheit zu schenken. Dem ist entgegenzuhalten, daß
a) es einen inhärenten Zwang zur Technisierung gibt, und zwar sowohl im öffentlichen Bereich, wie in der Produktion und auch im Privaten. Wer heute ohne Telefon, Kühlschrank oder Elektrizität leben wollte, hätte große Mühe, den Nachweis der geistigen Gesundheit glaubhaft zu erbringen. €hnlich wird im öffentlichen Bereich verfahren, wo die Abkopplung von neuesten technologischen Entwicklungen mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und Wettbewerbsfähigkeit gleichgesetzt wird. Firmen dürfen den Anschluß nicht verlieren, um so am Markt bestehen zu können, Innovation ist das Zauberwort, das alle Probleme zu lösen scheint. Es gibt keine Freiheit zur Technik-Freiheit.
b) ein möglichst störungsfreies Funktionieren von Apparaten nur dann gewährleistet ist, wenn ihre Interaktion mit der Umwelt standardisiert ist. Das heißt, daß Geräte, die für eine breite, massenweise Nutzung vorgesehen sind, die Handlungs- und Gestaltungsfreiheit des/der Einzelnen einschränken und nur ganz gewisse - möglichst einfache und wenige - Bedienungsweisen erlauben. Unser Handeln mit Geräten ist also durch explizite Regeln bestimmt und läßt im Prinzip keinen individuellen Spielraum mehr offen.

Etwas Richtiges im Falschen tun
Technik ist ein gewaltiges, vielseitiges Projekt. Nicht das Projekt einer Gruppe von Männern mit gezielten Absichten, sondern das Produkt einer Arbeit, die unter ganz bestimmten Voraussetzungen passiert. Denn Techniken bzw. Technologien haben nicht nur Folgen, sie sind selbst Folge eines gesellschaftlichen Umfeldes. Sie sind, in anderen Worten, sozial konstruiert, gesellschaftliche Werte fließen schon in die Fragestellung um eine Technologie mit ein. Ein schönes Beispiel ist die Konstruktion eines Autos. Eine große Versicherungsfirma hat vor nicht allzu langer Zeit in Wien Plakate mit zwei unterschiedlichen Sujets plakatieren. Da war einmal ein Mann zu sehen, darunter der Text: "Ein Auto ist für mich ein Stück Freiheit." Das zweite Plakat zeigte eine Frau, der Text lautete: "Ein Auto ist für mich Mittel zum Zweck." Es ist sicherlich leicht einsehbar, daß ein Stück Freiheit anders aussehen wird als ein Mittel zum Zweck.

Wenn gesellschaftliche Gruppen mit unterschiedlichen Interessen nicht gleichwertigen Zugang zu den Ressourcen haben, werden sich auch weiterhin nur die Interessen bestimmter Lobbys in der Realität spiegeln. Dies gilt nicht nur in Hinblick auf die Geschlechter, sondern auch auf soziale, ethnische und religiöse "Randgruppen", Jugendliche, ältere Menschen etc.. Die Lebensvorstellungen vieler, eben nicht-mächtiger Menschen, werden dabei immer weiter abgedrängt, sie leben quasi in einer entfremdeten Umgebung, die zunehmend weniger ihren Bedürfnissen und Vorstellungen entspricht. Eine Abkopplung von der durchgängigen Technisierung von Gesellschaft und Umwelt war bisher kaum möglich, die Entwicklung von Alternativen scheitert an der Ressourcenfrage, letztlich also an politischen und ökonomischen Machtverhältnissen.

Am Beispiel Internet will ich zum Schluß noch erläutern, warum für mich sowohl passive Verweigerung, als auch Kritik von außen, als auch aktive Teilnahme GLEICHZEITIG richtige, d.h. emanzipatorische Strategien sein können. Seit einigen Jahren werden von verschiedenen Seiten, mit unterschiedlichen Intentionen, die zukünftigen Möglichkeiten einer "Cybersociety" in den buntesten Farben ausgemalt. Ein globales Dorf sei im entstehen, so hören wir, die weltweite Kommunikation zwischen Gleichgesinnten(?) sei nun endlich möglich, Feministinnen setzen große Hoffnungen in dieses Medium, ebenso Politiker wie Al Gore oder Wirtschaftsbosse wie Bill Gates. Sehr unterschiedliche Visionen entstehen hier, und dank der relativ geringen benötigten Mittel ist es für viele Gruppen möglich, ihre Vision einer Datenautobahn, virtuellen Gemeinschaft, politischen Öffentlichkeit oder eines Marktplatzes Realität werden zu lassen. Wer die Hürde des Zuganges (Geräte und Know-how) genommen hat, kann sich fast jeden Wunsch erfüllen. Gut so, wir brauchen solche Anarchie, um nicht wieder nur wenigen Privilegierten das Feld zu überlassen. Ein möglichst lebendiges, lebensnahes Abbild unserer Gesellschaft ist das von diesen ProtagonistInnen (oft unbewußt) angesteuerte Ziel. Dabei darf der Taumel der Erregung über die gewonnenen Möglichkeiten nicht die Sicht auf die Realität verstellen. Der virtuelle Raum wird durch die im realen Raum vorhandenen Macht- und Herrschaftsverhältnisse bestimmt. Eine einfache Tatsache, die von jenen, die in Beteiligung und Mitwirkung die beste Möglichkeit sehen, im allgemeinen zuwenig erkannt wird. Doch mehr als das schon vorhandene kann in einer virtuellen Welt nicht entstehen. Es ist nicht möglich, jenseits der realen Welt eine künstliche zu schaffen, die "besser" ist als die, die wir haben. Im Gegenteil, der Cyberspace ist kein global village, sondern ein von lautstarken weißen Männern bevölkerter Vorstadtclub der weltweiten amerikanisierten Mittelklasse. Die Kritik daran darf nicht verstummen. Wir können nicht umhin, völlig andere Lebensentwürfe zu schaffen und zu leben, in Verweigerung der technischen Zivilisationsmythen, ungeachtet des Tanzes um das goldene Kalb Technik. Wenn die Virtualität nur so gut sein kann, wie die Realität, dann müssen wir zuerst diese für uns verbessern.

Es gibt nichts Richtiges im Falschen, hat einmal Theodor W. Adorno bemerkt. Trotz der vielen Widersprüche und Ungereimtheiten, der Vielschichtigkeit von Technik, ihrer unmittelbaren Vernetzung mit Macht und den geringen Möglichkeiten eines Einzelindividuums angesichts großer Strukturen glaube ich dennoch, daß wir etwas tun können, das uns in die richtige Richtung bringt. Viele feministische Forschungsansätze geben Zeugnis davon. Sei dies im Bereich feministischer Technikkritik, in der Entwicklung alternativer Verfahren und Theorien (beispielhaft seien die Arbeit von Frauen im Architektur- und Planungsbereich und im Bereich alternativer Energien erwähnt), oder in der Technikfolgenabschätzung und Technikbewertung. Nicht zuletzt sehe ich in meiner Arbeit als Lektorin an der TU-Wien einen kleinen Beitrag, der Ausbildung künftiger TechnikerInnengenerationen ein paar kritische Aspekte hinzuzufügen. Welche, davon konntet Ihr Euch in diesem Artikel ein Bild machen.

Lebenslauf:
Brigitte Ratzer, geboren 1966, Studium der Technischen Chemie an der TU Wien. Neben dem Studium für 2 Jahre Frauenreferentin und dann Vorsitzende Hochschülerschaft. Seit Herbst 1995 Lektorin am Institut für Technik und Gesellschaft ebenfalls an der TU Wien. Forschungsschwerkpunkte: Technik und Gesellschaft, Medizinische Technikfolgenabschätzung und Bioethik, Frauen und Technik. Zur Zeit bereite ich meine Dissertation zum Thema "Soziale Konstruktionen in der theoretischen Konzeption von Wirklichkeit und Erkenntnis in der Quantenphysik" vor.

Literaturtips:
Bijker W.E., Hughes T.P., Pinch T.J., The Social Construction of Technological Systems, MIT Press 1987.
Winner Langdon, Do Artefacts have Politics? in: D. Mackenzie and J. Wajcman: The Social Shaping of Technology. Milton Keynes, 1985
Heintz Bettina; Die Herrschaft der Regel - Zur Grundlagengeschichte des Computers, Campus Verlag FfM, 1993
Die Seele des Arbeiters dem industriellen Fortschritt: aus Arbeit/ Mensch/ Maschine, Oberösterreichische Landesausstellung 1987, Beiträge, S. 109
L. Mumford: Mythos der Maschine, Europaverlags-AG, Wien, 1974
Wajcman Judy; Technik und Geschlecht, Campus Verlag FfM, 1996

1 Den Begriff Technik verwende ich in diesem Artikel als Bezeichnung für einzelne Maschinen, Geräte, Werkzeuge usw., das Wort Technologien bezeichnet komplexere technische Systeme.

publikationen
Publikationen - Home
frauenweb Tips
Feministische Themen
     Ernährung
     Geschichte
     Sprache
     Technikkritik
Gender
Geschichte
Informatik
Psychologie

  HOME |  DISKUSSION |  WEB |  PUBLIKATIONEN |  GESCHICHTE |  NET  
last updated 29.9.2000