|
|
|
|
|
|
|
|
|
| Internet von Frauen für Frauen. | [ Diskussion ] | [ Web ] | [ Publikationen ] | [ Geschichte ] | [ Net ] | ||
| Login |
Nothing ever burns down by itself, every fire needs a little bit of help......Erschienen in: BUKO-Info 99/1, Wien 1999
Am 8. März 1999 findet an der TU Wien eine Studienplan-Enquete statt. Zum Datum passend - es ist der internationale Frauentag - befassen wir uns auf der Veranstaltung mit der Umsetzung des UniStG §3 (7), also der Verankerung geschlechtsspezifischer Lehrveranstaltungen in den neuen TU-Studienplänen. Veranstalterinnen sind der Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen (AKG) an der TU Wien, das Frauenreferat der HochschülerInnenschaft sowie das Institut für Technik und Gesellschaft. Ausgangspunkt sei der augenfällige Frauenmangel (- und das ist es schließlich, was an der TU Wien herrscht: Mangel an Frauen) schon bei den Studierenden, zur Debatte stehen also jene "kleinen Unterschiede", die dazu führen, daß volljährige, mündige Bürgerinnen bei der Studienwahl gar nicht erst auf die Idee kommen, Ingenieurswissenschaften, Mathematik oder Physik könnten die geeignete Ausbildung für sie sein. Der Themenkatalog zu dieser Frage: Grundlagen der Geschlechterforschung, die Geschlechtertrennung am Arbeitsmarkt und die Auswirkungen von Technik auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung.
Sollen die geschlechtsspezifischen Auswirkungen von Technik vom heutigen Stand der Wissenschaftsforschung aus zugänglich gemacht werden, so muß der Zugang von zwei weiteren Seiten erfolgen. A. Zunächst muß die Entstehung von wissenschaftlichen Theorien und von Technik (Technikgenese) analysiert werden. Unter dem Titel "Social Construction of Technology (SCOT)" bzw. "Social Shaping of Technology (SST)" wurde seit den frühen 80er Jahren der Formungsprozeß von Technologien zum Forschungsgegenstand. Zentrale Fragen sind der enge Zusammenhang zwischen der Produktion technischer Gegenstände und ihrem Gebrauch, die netzwerkartigen Strukturen großtechnischer Systeme und die Organisation von "Big Science". Ein Ergebnis der Technikgeneseforschung vorweg: Technische Artefakte (Bauwerke, Maschinen, Computersysteme....) spiegeln die Sichtweise der an ihrer Produktion Beteiligten wieder, also auch Ausschluß, Marginalisierung, Ausgrenzung (unter anderem von Frauen). Ob absichtlich oder nicht, wir suchen uns für unsere Technologien Strukturen aus, die Einfluß darauf haben, wie Leute zur Arbeit gehen, kommunizieren, reisen, ihre Freizeit verbringen usw. Die Frage ist, wie wir diese Strukturen wählen. B. Die Folgen von neuen Technologien sind ebenfalls seit langem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Mit dem Instrumentarium der Technikfolgenabschätzung (TA) läßt sich auch die Frage geschlechtsspezifischer Auswirkungen bearbeiten. Bis heute reicht es an der TU Wien aber zu nicht mehr als einem Freifach. Wie alle obigen Fachgebiete, so hat das breite Spektrum der TA auch noch eine Reihe anderer interessanter Inhalte und Möglichkeiten zu bieten: von Zukunfts-Delphis über innovative TA als Begleitung bei der Produktentwicklung bis zu partizipativen Ansätzen bei öffentlichen Diskursen oder der Implementierung neuer Technologien. Als sprichwörtliche Ausnahme von der Regel gibt es an der TU eine Studienrichtung, wo von einem Frauenmangel bei den Studierenden keine Rede sein kann, nämlich die Architektur (ca. 50% Studentinnen). Dort tritt die Unterrepräsentation von Frauen erst im Bereich des Mittelbaues und der ProfessorInnenschaft (Splitting erst seit neuestem nötig, die erste Architekturprofessorin ist seit Februar 1999 im Haus) zutage. Daher: soziale Organisation von Forschung als Reflexionsthema. Wie funktioniert wissenschaftliche Forschung, was ist ihre Geschichte, welches sind die System-Mängel, die den oben genannten Zustand hervorrufen. Was den angenehmen Nebeneffekt hat, daß auch gleich erfahrbar wird, was unter kognitiven und sozialen Hierarchien zu verstehen ist, was die Normen der scientific community sind, wie wissenschaftliche Fragestellungen und mitunter der "Stand der Wissenschaft" zustande kommen. Nächster Punkt: unsere Vergangenheit. Dereinst Ausgangspunkt feministischer Studien über die Beziehung von Frauen und Technik. Wäre die Geschichte unserer Fächer Teil des Studienplanes, wir hätten eine größere Chance, Namen wie Mileva Einstein, Marie Paulize Lavoisier oder Rosalind Franklin zu begegnen, mit anderen Worten, der Geschichte von Frauen in Naturwissenschaft und Technik. Wichtige Fragen, wie z.B. des Zusammenhanges zwischen Naturwissenschaft, Technik und Militär (Atombombe, Kampfgase, Waffentechnologie, Prachtboulevards für Militäraufmärsche,....), ergeben sich in der Geschichte unserer Fächer fast von selbst. Und: es macht durchaus Sinn, auch mal naturwissenschaftliche oder technische "Irrtümer" und Sackgassen zu besprechen. Last but not least: Fragen der Philosophie und der Ethik. Ich verstehe nicht, warum in unserer Ausbildung die banalen Fragen "Was tue ich?" und "Warum tue ich das?" keinen Platz haben. Wir geben jungen Menschen ein ganz erhebliches Gestaltungspotential in Form einer technischen Ausbildung, gleichzeitig aber keinerlei Anhaltspunkte, nach welchen Kriterien dieses Potential verwendet werden sollte. Feministische Ethik bietet, wie auch eine Reihe andere philosophischer und ethischer Denkschulen, die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung.
Es geht bei einer Intergation solcher Inhalte in die technischen Studiengänge nicht nur darum, Frauen eine leichtere Identifikation mit dem gewählten Studienfach zu ermöglichen. Es geht auch darum, daß hier Männer ausgebildet werden, die nicht gelernt haben, bei ihren Konstruktionen Frauen und deren Alltag mitzudenken. Die nicht gelernt haben, die Folgen ihres Handelns schon in der Konstruktion und nicht erst in der Verwendung eines Produktes zu sehen. Wir haben also ein zweifaches "Fraueninteresse" an den Studienplänen, nämlich Nun weiß ich schon, daß das Argument "wir Frauen wollen das" kein besonders schlagkräftiges ist, besonders, wenn die Mehrheitsverhältnisse so sind, wie an der TU Wien. Es wäre mir aber in jedem Fall ein Anliegen, noch ein paar andere Aspekte einer Erweiterung des Studienangebotes im Pflicht- und Wahlpflichtbereich aufzuzeigen. 1. TU / FH. Ich gehe davon aus, daß wir alle von einer universitären Ausbildung (die uns immerhin die Elite des Landes beschert) verlangen, daß sie verantwortliche Menschen mit einem umfassenden Wissen über das eigene Tun hervorbringt. Was unterscheidet einen TU-Absolventen, der nicht weiß, in welchem Maße sein technisches Handeln auch sozial geprägt ist, der sich nicht über mögliche Folgen seiner Tätigkeit strukturiert Gedanken machen kann, von einem Fachhochschul-Absolventen? Wozu eine so lange Ausbildung, wenn deren Inhalt nicht dazu befähigt, sozial und ökologisch verträgliche Technik zu konstruieren? Wenn wir gute AbsolventInnen wollen, vor deren Praxis wir uns nicht fürchten müssen, dann gehörten die oben genannten Wissensgebiete sicherlich zur Grundlagenausbildung dazu. 2. In Zeiten von GründerInnenoffensiven: Breit geschulte TechnikerInnen haben ein besseres Rüstzeug für die immer stärker geforderte Neue Selbständigkeit. Wer fähig ist, eine Technologie als Teil ihrer sozialen, ökologischen, ökonomischen usw. Umgebung zu sehen, kann auch umgekehrt mit Blick auf bestimmte Nischen Technologien entwerfen oder anpassen. Eine breitere Ausbildung ist daher nicht zuletzt auch arbeitsplatzrelevant - und das trifft sich ganz gut mit den Bestrebungen des Gesetzgebers im UniStG §2 (1): [Bildungsziel ist auch] der Transfer neuer wissenschaftlicher (...) Erkenntnisse in die Arbeitswelt. 3. Eine kostenlose Ausbildung muß nicht gleich umsonst sein. Wir bilden an unserer Universität Menschen aus, die für die Gesellschaft der Zukunft gerüstet sein müssen. Was für uns vielleicht noch Schlagwort geblieben ist - Interdisziplinarität, Transdisziplinarität, Lebenslanges Lernen, Akteurs-Netzwerke,..... wird für diese Menschen zur Realität. Es ist an den Universitäten, jungen Menschen das Werkzeug mitzugeben, das sie im nächsten Jahrtausend brauchen werden. 4. Das Eis schmilzt bereits. Es zeigt sich heute immer stärker, daß Feministinnen sehr wertvolle Anregungen und Beiträge für die modernen Naturwissenschaften und Ingenieursdisziplinen liefern. Wenn sie auch von der Masse der männlichen Wissenschafter noch weitgehend ignoriert werden, so finden sich mittlerweile einige herausragende Wissenschafter, wie etwa der Experimentalphysiker Prof. A. Zeilinger, die in den Beiträgen von Feministinnen ein wertvolles Potential entdecken und nutzen. Und feministischer Forschung damit den Stellenwert einräumen, den sie haben sollte: nämlich als integraler Bestandteil der Diskussionen und Praktiken an den Universitäten. 5. Der allseits beliebte internationale Vergleich. Er zeigt, daß Institutionen wie etwa die ETH Zürich, die TU München oder TU Berlin bei der Hereinnahme der obigen Inhalte schon um einige Schritte voran sind. So hat Prof. Helga Nowotny an der ETH einen eigenen Lehrstuhl für Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftforschung, und es scheinen im Vorlesungsverzeichnis Fächer wie "Einführung in die Wissenschaftsforschung", "Spitzenforschung im gesellschaftlichen Kontext", "Wissen schaffen: entwickeln, verbreiten, erklären, begründen", "Wissenssysteme in der Gesellschaft", "Eigene Forschung: Nachbardisziplinen, Gesellschaft, Lehre" auf. An der TU München ist es möglich, ein Masterprogramm "Sozialwissenschaft der Technik" zu absolvieren, das u.a. wie folgt angekündigt wird: "Die zunehmende Verquickung technischer Systeme mit sozialen und rechtlichen Prozessen, sowie die in den vergangenen Jahrzehnten erfolgte Politisierung der Technik sind nicht rückgängig zu machen. Ihr Verständnis muß darum zum integralen Bestandteil der Ausbildung in den Ingenieur- und Naturwissenschaften werden, wie dies der VDI (Verein Deutscher Ingenieure, Anm.) schon seit Jahren fordert." Mit anderen Worten: Forschung und gesellschaftliche Entwicklung der letzten 20 Jahre sollten bei der Erstellung neuer Studienpläne nicht ignoriert werden.
Vielleicht ist es in ein paar Jahren selbstverständlich, im Rahmen der Ausbildung zu lernen, warum es frauenfeindlich ist, wenn ich den Fußgänger- und öffentlichen Verkehr verlangsame, behindere, benachteilige. Schon mehren sich die Anzeichen, daß bei der Ausbildung zum/r Informatiker/in das Erkennen der eigenen sozialen Gestaltungsmacht Teil der Ausbildung wird. In anderen Bereichen wie Elektrotechnik, Maschinenbau, aber auch Chemie und Physik stehen wir erst am Anfang einer solchen Entwicklung. Und gerade dort ist es eminent wichtig, die wissenschaftstheoretischen Grundlagen zu vermitteln, die das eigene Handeln im gesellschaftlichen Kontext zeigen. Wie heißt es so schön: Heimat bist du großer Söhne. - Und sonst nix? Literaturauswahl: 1. Geschlechterforschung
2. Technikgeneseforschung/ SCOT/ SST
3. Technikfolgenabschätzung
4. Soziale Organisation von Forschung, Wissenschaftsforschung
5. Technikgeschichte
6. Ethik und Philosophie
1 Heureka Nr. 2, Dez.1998 |
|
| HOME | DISKUSSION | WEB | PUBLIKATIONEN | GESCHICHTE | NET | ||
| last updated 29.9.2000 | ||