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Soziokulturelle Veränderungen durch die Waschmaschine

Ein Blick auf die Hausfrauenarbeit vom 19. Jahrhundert bis heute

Bettina Unger
TU Wien, 1999
 


Schon bei Schiller "arbeitet" sie nicht, sondern sie "waltet", die "züchtige" und tüchtige Hausfrau (Kuhn, 1993, S.43).

Als den Frauen qua Geschlecht zugewiesene Arbeit wurde sie lange wissenschaftlicher Untersuchungen für unwürdig befunden. Erst seit Mitte der 70er Jahre entstanden zahlreiche Untersuchungen zur Haus(frauen)arbeit.

Als ein zeitlich, räumlich und vom Arbeitsaufwand her zentraler Aspekt von Hausarbeit hat gerade das Wäschewaschen immer wieder Aufmerksamkeit gefunden.

Im 17., 18., und 19. Jahrhundert fand durch die Trennung marktförmiger Erwerbstätigkeit vom ursprünglich häuslichen Bereich ein Wandel der Hausarbeit statt.

Mit dem Beginn der kapitalistischen Produktionsweise hat Hausarbeit eine grundsätzliche Neudefinition erfahren. Die Trenneung von Produktion und Reproduktion, von außerhäuslicher Erwerbstätigkeit und Hausarbeit setzte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts für alle Schichten durch.


19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert ist das bürgerliche Weiblichkeitsideal, nach dem es der Frau aufgrund ihrer "natürlichen Bestimmung" obliegt, ein "trautes Heim", eine Gegenwelt gegen die Materialisierung und Ökonomisierung des "feindlichen Lebens" zu schaffen. Als Gegenwelt soll sich das Zuhause möglichst arbeits-frei zeigen: Das, was die Frau hier tut, wird zum Akt der Liebe. Die Arbeiten sollen so ausgeführt werden, daß sie nur in ihren Ergebnissen sichtabr sind. Der nach harter Arbeit erholungsbedürftige Ehemann soll nicht auch noch zu Hause mit Arbeit konfrontiert werden. Durch den Repräsentationsszwang, der die finanziellen Mittel oft überstieg war es die Aufgabe der Frauen, diese Kluft durch Geschick, eisernes Sparen und die Eigenherstellung vieler Dinge für den Haushalt zu überbrücken.

Den Arbeiterfrauen wurde eine grundsätzliche Unfähigkeit unterstellt, rationell zu wirtschaften, Haus, Wäsche und Kleidung "hygienisch" sauber und in Ordnung zu halten und genießbare und zugleich gesunde Nahrung zuzubereiten. Deshalb gab es einen speziell für Arbeiterfrauen zugeschnittene Haushaltsratgeber, allen voran "Das Häusliche Glück. Vollständiger Haushaltsunterricht nebst Anleitung zum Kochen für Arbeiterfrauen. Zugleich ein nützliches Hülfsbuch für alle Frauen und Mädchen, die billig und gut haushalten lernen wollen" (1892).

Bis zum Ende des Kaiserreichs unterschied man zw. Arbeiterfrauen, Hausfrauen mit und ohne Dienstmädchen und Waschfrauen. Ende 19. Jahrhundert machten es die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung und sinkende Löhne bei gleichzeitig veränderten Lebensansprüchen vor allem im Mittelstand zunächst notwendig, daß die Frauen die Hausfrauenarbeit ohne Dienstmädchen bewältigten.

Hausarbeit als das, was wir darunter verstehen, "entsteht" im Grunde erst um die Jahrhundertwende.
 

Wäsche im 19. Jahrhundert

Die schmutzige Wäsche wurde in der sogenannten "Schwarzzeugkammer" aufbewahrt. "Sollte die Kammer, in welcher die schmutzige Wäsche aufbewahrt wird, zu entlegen sein, halte man sich in der Nähe eon Plätzchen, wo sie die Woche über, ohne jemandes Blicke zu beleidigen, aufgehoben werden kann; nur finde dies nicht in Zimmern statt, da die Ausdünstung schmutziger Wäsche äußerst ungesund ist. Jeden Samstag oder Montag schaffe man sie aber unfehlbar in die dazu bestimmte Kammer." (WASCHTAG: Museum Neuhaus; Schüsspromenade 26; 2502 Biel ) Je mehr Wäsche eine Familie hatte, umso reicher war sie und desto weniger wuschen sie. Manchmal gab es nur drei Mal im Jahr einen Waschtag. Die Schwarzzeugkammer wurde zur Aufbewahrung der schmutzigen Wäsche gebraucht und befand sich meistens in der Nähe der Mägdekammer, auf dem Dachboden.

Zu Beginn der industriellen Entwicklung gab es drei Waschmethoden, die bis in die 30er Jahre angewandet wurden:

  • Seifenwäsche:
In Regen-, Fluß- oder Seewasser unter Zuhilfenahme von Seife.

Später: Kristall - od. Bleichsoda wird ab 1820 industriell hergestellt; ab1907 braucht die Waschfrau nicht mehr die Seife selbst schneiden - Seifenflocken (PERSIL) wurden  produziert.

  • Buuchen:
Übergießen der Wäsche mit Aschenlauge bei steigender Temperatur; nachher Reiben der schmutzigen Wäsche von Hand auf einem Stein oder evtl. mit Sand.
  • Aschenwäsche:
In einem Buuch- oder Bauchofen wird die Aschenlauge, in einem anderen das klare Wasser zum Brühen und Spülen erhitzt.

Vorgänge des Waschens:

  • Reiben
Das Waschbrett ist um 1900 die verbreiteste Vor- und Nachwasch-"maschine". Für die zusätzliche individuelle Bearbeitung von besonders schmutzigen Stellen wird es noch bis in die 1950er Jahre gebraucht.
Um 1930 wird das "gekrümmte Waschbrett" folgendermassen beschrieben:
"Bei jedem Zug am Handhebel reiben zwei sich aneinander vorbeibewegende gebogene Waschbretter
aus Wellblech die Kleider wie auf einem Waschbrett."
  • Drücken, Kneten, Stampfen
Mit dem verlängertem Arm, der "Glocke", auch Stössel, Stüngel genannt, konnte man die Wäsche in kochendheisser Lauge mit mehreren Fäusten gleichzeitig drücken, kneten und stampfen.
  • Rühren
Beim Kochen der Wäsche im einfachen Waschherd musste das Wasch- und Färbegut ständig umgerührt werden. Dazu bediente man sich eines Holzlöffels, der meist am Ende eines langen Stiels - zur Verlängerung des menschlichen Armes- angebracht war.
  • Schlagen
In einer Trommel wird die Wäsche geschlagen.
  • Auswinden
Zum Schluss wird die Wäsche gebrüht und gespült, letzteres im Bach oder Fluss oder unter dem laufenden Brunnen.
Für den letzten Arbeitsgang, das Auswinden, haben Erfinder seit der Mitte des 19. Jh. Hilfen entwickelt: Die nasse Wäsche wird durch eine Kurbel gedreht, wodurch sie in seinem Innern ausgepresst wird.


Die 50er Jahre

Im Schnitt wurde alle 4 Wochen gewaschen, ein ganzer Tag wurde dafür reserviert, meistens war es der Montag.
 "Man hat ja zuerst die Wäsche abends eingeweicht. [...] Und morgens ist alles ausgewrungen worden. Anschließend machte man heißes Wasser mit Waschpulver und darin ist zuerst einmal noch vorgewaschen worden. Und wieder ausgewrungen. [...] Danach ist ist die weiße Wäsche in den Waschkessel reingekommen und man hat die aufziehen lassen, bis sie gekocht hat. Die Buntwäsche ist in der gleichen Lauge nachher gewaschen worden. Danach ist das ganze in heißem Wasser gespült worden und noch mindestens einmal in kaltem. [...] Zum Schluß hat man das entweder ausgewrungen von Hand oder ausgepreßt in der Wäschepresse, später hatten wir dann eine Schleuder." (Interview mit Frau J., zit. nach: Silberzahn-Jandt, 1991, S.35)
Flecken mußten einzeln ausgerieben werden. Die  Hände der Frauen waren immer wund von der Lauge und vom Waschbrett.
Der Herd war praktisch immer voll belegt, wenn ein Baby im Hauhalt war, da die Windeln immer als "kleine Wäsche" nebenbei ausgekocht wurden.

Ende 50er- 60er Jahre

Die Technisierung des Haushalts in diesem Bereich zog sich über mehrere Jahrzehnte hin. Erst Ende der sechziger Jahre kann wohl eine Waschmaschine als Standardausrüstung der meisten bundesdeutschen Haushalte gesehen werden.

Die Entwicklung der Waschtechnologie kam nicht einem Bedürfnis der Hausfrauen nach, sondern war die Antwort auf einen Engpaß der textilindustriellen Maschinisierung im Arbeitsbereich Wäscherei-Färberei-Bleicherei. Darüber hinaus wurden infolge der steigenden Reinlichkeits- und Hygienebedürfnisse in Großwaschanlagen vor allem von Anstaltshaushalten, gewerblichen Wäschereien und Betrieben mit kontinuierlichem Wäscheverbrauch größere Mengen von Wäsche häufiger gewaschen, wodurch sich hier ein neuer Markt eröffnete.

Die Entwicklung und die Verbreitung der Waschvollautomaten und die dazugehörigen Waschmittel stellen eine Revolutionierung des häuslichen Wäschewaschens dar. Nicht allein die ökonomischen, sondern auch die gesellschaftlich-kulturellen Veranlagungen förderten Ende der 50er, Anfang der 60er den Einzug der Waschmaschine in die Haushalte.

Automatisierung des Waschvorgangs ist ein Prozeß der "Entkörperlichung von Arbeit". Damit änderten sich Struktur, Charakter und Bewertung des Wäschewaschens . Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung blieb jedoch erhalten und bringt keine neuen Verhaltensmuster hervor. Die Haushaltstechnik war für Männer nur so weit interessant, als daß sie ihr handwerkliches Können bei Reparaturen unter Beweis stellen können. Indem sie beim Kauf mitwirken, mitbestimmen und schließlich auch zahlen, gestaltet sich für viele Männer der Umgang mit Haushaltsmaschinen als einmaliger, selten wiederkehrender Akt.Wenn Frauen erkrankten, geriet oft die familiäre Arbeitsteilung in sWanken.

Veränderungen durch den Einsatz von Technik müssen nicht auch gleichzeitig Arbeitserleichterungen und -verringerungen bedeuten, sondern können diese sogar oft neutralisieren oder gar konterkarieren.

Die Formierung der " sozialen Einheitshausfrau" vollzog sich mit Erreichen einer Standardausstattung an Haushaltsmaschinen bis Ende der 60er Jahre.

"Vom 'sehnlichtsen Wunsch der Hausfrauen, eine Waschmaschine unter dem Weihnachtsbaum zu finden, um sich selbstverständlich nur dem Mann und den Kindern besser widmen zu können, wie es die Werbung ausdrücklich vorschrieb', weiß die Stuttgrarter Zeitung, rückblickend auf die 50er Jahre, zu berichten" (Silberzahn-Jandt, 1991, S.27).

1951  - der erste Waschvollautomat

Als Messeneuheit wurde 1951 auf der Bauaustellung Constructa in Hannover die danach benannte "erste deutsche vollautomatische Waschmaschine" präsentiert.

Durch die aufwendige Montage und die eventuell notwendige Verlegung von Drehstrom beschränkte sich der Käuferkreis auf finanzkräftige Hauseigentümer, die problemlos bauliche Veränderungen vornehmen konnten.

Noch bis Anfang der 60er Jahre wuschen deshalb viele Hausfrauen im Waschkessel, Waschtopf oder mit einfachen Geräten und Maschinen. Der Waschkessel wurde auch als Wurstkessel oder zum Einkochen von Saft bzw. als Einmachtopf verwendet.

Die ersten Waschmaschinen waren nicht die voll- oder teilautomatischen Trommelwaschmaschinen, sondern elektrische Metallbottichwaschmaschinen mit Laugenbehälter und extra Schleuder.

Auf unterschiedliche Weise wurden das Wasser und die Wäsche im Bottich nach Erhitzen bewegt:

  • mit Rührflügel
  • durch Laugenumlauf
  • durch Wellen- od. Turborad
Bei der Rührflügelmaschine war die Wäsche oft verzogen, verrissen, oder gedehnt.

Erst in den 60er Jahren setzten sich vollautomatische Trommelwaschmaschinen wie die Costructa durch, jedoch waren diese auf einen Zementsockel befestigt werden, damit die entstehenden Unwuchtkräfte gebändigt werden konnten, was wiederum ein Grund war, weshalb anfangs nur sehr wenige Familien eine eigene Waschmaschine besassen. Zudem waren die damaligen Waschmaschinen sehr teuer: sie kosteten zw. 1.000,- und 1.500,- DM.

Waschmittel

Anfänglich quoll der Schaum der damals produzierten Waschmittel aus allen Fugen und Dichtungen. Erst mit dem von Henkel 1957 entwickelten schaumgebremsten Waschmittel DIXAN konnte problemlos gewaschen werden.

Der Weichspüler existiert seit 1962.

Sauberkeit

Mit dem Einzug der Waschmaschine in die Haushalte veränderte sich auch der Hygienebegriff und das Hygienebedürfnis.
Früher war es üblich alle vier Wochen zu waschen, mir der Waschmaschine wurde immer dann gewaschen, sobald sich genug schmutzige Wäsche angesammelt hatte. Allerdings waren viele Frauen anfangs skeptisch der Waschmaschine gegenüber, da diese nicht bis 100°C waschen konnten, was der damaligen Vorstellung von sauberer Wäsche nicht entsprach.

Sichtbare Zeichen der Sexualität mußten versteckt werden- Menstruationshöschen wurden versteckt aufgehängt und extra gewaschen.
Das Sittenbild einer Familie wurde unter anderem an der Sauberkeit ihrer Wäsche gemessen. Oft kam es zu einem regelrechtem "Konkurrenzkampf" unter den Frauen, welche die Wäsche am weißesten wusch.


Literatur:

  • Kuhn, Bärbel: "Vom Schalten und Walten der Hausfrau". Hausarbeit in Rat, Tat und Forschung im 19. und 20. Jahrhundert. Quelle: HSK 3: Frauen-Arbeitswelten. Zur historischen Genese gegenwärtiger Probleme. Hrg.: Bolognese-Leuchtenmüller, Birgit; Mitterauer, Michael. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1993, S. 43-66
  • Silberzahn-Jandt, Gudrun: Wasch-Maschine. Zum Wandel von Frauenarbeit im Haushalt. Marburg, Jonas-Verlag für Kunst und Literatur, 1991
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last updated 29.9.2000